Nach der Show: Süße Droge Zucker

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Maischberger: Sendung vom 25.05.2016

Die Show beginnt mit der Präsentation von einigen zentralen Thesen, die im Laufe der Diskussion immer wieder angesprochen werden:

  • „Zucker macht krank.“
  • „Zucker macht süchtig.“
  • „Die Lebensmittelindustrie ist verantwortlich für enormen Konsum. Sie täuscht den Verbraucher.“
  • „Es gibt keine ungesunden Lebensmittel.“

Gleich in Minute 5 führt Susanne Holst (ARD-Journalistin und Medizinerin) einen kausalen Mechanismus auf, der die These „Zucker macht süchtig“ belegen soll:

Der Zucker-Teufelskreis beschreibt eine Moment-Sucht: Der Genuss von Süßem ruft erneutes Verlangen nach Süßem hervor

In den ersten Minuten der Sendung werden auch bereits andere vermutete Wirkungszusammenhänge skizziert:

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Zuckerkonsum führt unmittelbar zu Karies, vielleicht auch zu Diabetes. Mittelbar führt der Konsum von Zucker auch zu Fettleibigkeit: Zuckerreiche Nahrungsmittel sind zugleich energiedichte Nahrungsmittel. Das gleiche gilt aber auch für stark fetthaltige Nahrungsmittel. Der Genuss von vielen stark energiehaltige Nahrungsmitteln führt zu erhöhten Aufnahme an Kalorien. Kalorienaufnahme wiederum ist ein Faktor für Fettleibigkeit. Bewegung bzw. der Mangel an Bewegung ist ein anderer Faktor.

Was sofort ins Auge fällt: es ist schwierig, den Zucker als Übeltäter zu entlarven. Zu viele andere Effekte sind im Spiel! Die Kausalitätsvermutungen werden im Laufe der Sendung noch durch weitere Faktoren ergänzt:

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Neu: Eine zentrale Rolle in der Kausalkette spielt das Design von Lebensmitteln. Stark zuckerhaltige Convenience-Produkte sind erst seit der Nachkriegszeit auf den Markt gekommen (Minute 11:00). Sie werden stark beworben. In manchen Marktsegmenten wie zum Beispiel bei Snack-Produkten sind Ausweichprodukte ohne Zucker so gut wie nicht erhältlich (Erlebnisbericht von Studiogast Katja Burkard, Fernseh-Moderation: „.. ich musste immer mit Tupperdosen rumlaufen, weil ich mir keine Snacks mit Zucker kaufen wollte“, Min 14:30). Der Rahmen für die Diskussion (tritt in der zweiten Sendungshälfte deutlicher hervor): die Frage, ob die Politik stärkere Vorgaben für Lebensmittelhersteller erlassen sollte.

In Minute 16:15 präsentiert der Journalist Uwe Knop eine (mutmaßliche) Evidenz dafür, dass Zucker nicht krank macht. (Seine Position, so wird im Laufe der Sendung deutlich, ist: „Es gibt keine ungesunden Lebensmittel“.) Knop behauptet: „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, was gesunde Ernährung oder gesunde Lebensmittel sein sollen. Es gibt speziell keinen Beweis dafür, dass Zucker dick oder krank macht.“ Knop beruft sich dabei auf Meta-Studien, in denen eine Vielzahl von gesundheitsstatischen Erhebungen ausgewertet werden. Knop behauptet nicht, dass es erwiesen sei, dass Zucker nicht krank mache.

„Mit dem Zucker ist es nicht anders als mit dem Rauchen!“ Starke Story, vorgetragen von Renate Künast in Minute 19. Beim Rauchen wurden die Gesundheitsgefahren erst nicht erkannt, dann lange Jahre kleingeredet. Heute sind Gesundheitswarnungen auf der Zigarettenpackung Vorschrift. Nicht anders wird es mit dem Zucker kommen! (Dazu auch: Eingespielter Trailer über den amerikanischen Anti-Zucker Aktivisten Peter Lustig in Minute 17).

Minute 23:30: Susanne Holst erläutert mit Hilfe eines Kausalmodelles, warum ein wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen Zucker und Diabetes-Typ-2 besteht:

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26:30 Knop weist darauf hin, dass in gesundheitsstatistischen Studien dennoch kein Zusammenhang zwischen Zucker und Diabetes Typ 2 festgestellt werden konnte.

30:00 Nach einer von Künast zitierten WHO-Studie gibt es sehr wohl einen Zusammenhang zwischen veränderten Ernährungsgewohnheiten in Entwicklungsländern und Übergewicht. Dies deutet (wenn die WHO-Studie korrekt wiedergegeben ist) daraufhin, dass der von Knop behauptete Forschungsmainstream (wenn dieser von Knop korrekt zusammengefasst) zumindest  nicht unangefochten ist.

30:45 Die Politik kommt ins Spiel! Künast: „… dass wir versuchen die Stoffe, auf die sich das bezieht, zu reduzieren.“ Langsam zeichnet sich ein übergreifendes Bild der Diskussion ab:

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Die Frage, ob in einer Bevölkerung, wo weniger Zucker konsumiert wird, auch weniger Fettleibigkeit herrscht, ist tatsächlich zentral. Wenn dies nicht der Fall wäre, dann wären Politikmaßnahmen zur Reduzierung des Zuckerkonsums nicht gerechtfertigt!

Minute 32: Der Journalist Uwe Knop bezweifelt, dass Übergewicht ein bedeutendes Problem in Deutschland ist (75 % normalgewichtig… Rest: mehr Untergewicht als Übergewicht).

Trailer, Minute 34: Unvermuteter Zucker in Produkten wie Senf, Leberwurst und Gurken. Zucker, der nicht als solcher ausgewiesen wird, sondern unter Namen wie „Fruchtsüße“ oder „Gerstenmalz“ kursiert, findet sich in nahezu allen Produkten. Begeht die Lebensmittelindustrie eine vorsätzliche Täuschung gegenüber dem Kunden?

Minute 36: Maischberger untersucht gemeinsam mit Christoph Minhoff (Sprecher der Lebensmittelindustrie) und Armin Valet (Verbraucherzentrale Hamburg) Inhaltsangaben auf Lebensmitteln. Eine Dose Krautsalat, eine Schachtel Frühstücksflocken, eine Packung Zwieback und eine Dose Kakaopulver stehen auf dem Tisch. Neben Zucker enthalten diese Lebensmittel Inhaltsstoffe wie Oligofruktose, Glukosesirup, Gerstenmalzextrakt oder Süßmolkenzucker. Im Raum steht der Vorwurf der Täuschung. Süßmolkenpulver z.B. zählt für den Gesetzgeber nicht als Zucker. (Man kann ihn aber als solchen betrachten.) Ein stark süßmolkenpulver-haltiges Getränkepulver mit dem Slogan „ohne Zuckerzusatz“ zu bewerben ist gesetzlich erlaubt. Wird der Verbraucher getäuscht?

Concept Map: Arten von Zucker und verwandten Stoffen, Vorkommen und Kennzeichnungspflichten

 

Minute 38: „Würden die Verbraucher diese Produkte immer noch kaufen, wenn ihnen klar wäre, wieviel Zucker darin wirklich enthalten ist?“ (An dieser Frage entscheidet sich der Vorwurf der Täuschung.)

Der Verdacht der Täuschung wird plausibilisiert durch eine weitere Tatverlaufs-Story, der zufolge Industrie-Lobbyisten erfolgreich gegen die Einführung der Lebensmittel-Ampel, der Festlegung von Höchstwerten an Zucker, Fett u.a. Inhaltsstoffen bei der Health Claims Verordnung interveniert sind (Minute 57:30).

Das übergreifende Bild gewinnt an Detailschärfe (wobei die Themen Karies und Diabetes in den Hintergrund treten):

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Der Vorwurf der Täuschung der Verbraucher durch die Industrie ist insofern relevant, als eine Täuschung die Verbraucher davon abhalten würde, ihren Zuckerkonsum zu reduzieren (wenn sie dies wollten). Ob sie dies wollten, ist unbekannt. Relevant wird der Täuschungsvorwurf aber nur dann, wenn Verbraucher tatsächlich die aufgeführten Produkte nicht mehr kaufen würden, wenn ihnen klar wäre, wieviel Zucker darin wirklich enthalten ist: Nur dann nämlich könnte es (vorausgesetzt, der Verbraucher wird nicht getäuscht) zu der gewünschten Reduzierung des Zuckerkonsums kommen.

Näher in den Blick zu fassen lohnt sich das gesamte Argument zur Stützung der Idee, mit geeigneten Politikmaßnahmen (die sich an die Lebensmittelhersteller richten) eine Verringerung des Zuckerkonsums zu bewirken.

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Erste Prämisse: „Die Verringerung des Zuckerkonsums führt in der Bevölkerung zu weniger Adipositas.“ Wie bereits ausführt, ist diese Prämisse unter den Studiogästen umstritten (wenngleich kein Beweis erbracht oder zitiert wurde, wonach eine Verringerung des Zuckerkonsums nicht zu weniger Fettleibigkeit führen würde).

Zweite Prämisse: „Die Verringerung des Zuckerkonsums ist ein effektiver Angriffspunkt gegen Fettleibigkeit.“ Tatsächlich hat keiner der Studiengäste eine solche Behauptung aufgestellt. Dennoch ist es sinnvoll, diese Annahme einzuführen. Nur dann nämlich, wenn die Reduzierung des Zuckerkonsums (im Vergleich zu Maßnahmen, die zum Beispiel eine Reduzierung von Fett oder von extrem energiereicher Nahrung zum Gegenstand haben) einen deutlichen Effekt hat, lohnt es sich, in eine solche Maßnahme zu investieren. (Im anderen Fall sollte tatsächlich man in Kampagnen gegen Fett, für mehr Bewegung o.ä. investieren.) Ein zentrales Themen der bisherigen Diskussion stellen sich als Unterargument für die zweite Prämisse dar. Wenn Zucker tatsächlich ‚süchtig macht‘ (und Fett z.B. nicht), dann ist die Gefahr des übermäßigen Konsums hier tatsächlich groß.

Dritte Prämisse: Wenn eine Verringerung des Zuckerkonsums durch politische Maßnahmen möglich wäre, dann sollte man diesen Weg beschreiten. Unter den Studiogästen hatten sich vor allem Udo Knop und Christoph Minhoff gegen diese Annahme ausgesprochen – mit der Begründung, dass Vorgaben für die Lebensmittelindustrie die Freiheit der Verbraucher beschneiden würden. Hier kommt der Vorwurf der Täuschung ins Spiel: Wenn der Verbraucher tatsächlich getäuscht wird, dann kann er nicht frei entscheiden.

Weiter geht es mit Minute 54:30. Knop betont: „Keine Belastbare Korrelation zwischen Softdrink-Konsum und Gewichtszunahme.“

1:00:30 „In Wahrheit sind das Problem die Energiebilanz und die Genetik (Minhoff)“. (Selbst, wenn dies zutrifft: In Bezug auf das oben dargestellte Argument müsste Minhoff aber zeigen, dass an diesen Punkten Interventionen ebenso effektiv möglich sind.)

Maischberger berichtet über die Einführung einer Zuckersteuer in einigen europäischen Ländern und in Bundesstaaten der USA (Minute 1:03:50). Die Frage der Ausgestaltung möglicher Politikmaßnahmen wird damit angeschnitten. Wir ergänzen die Argumentübersicht entsprechend:

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Die vermutete Täuschung der Verbraucher durch die Industrie taucht hier noch einmal als Argument für Politikmaßnahmen auf, die sich vor allem auf die Verbraucherinformation auswirken. Sprich: der Verbraucher wird getäuscht. Ungetäuscht würde er sich für anderen, weniger zuckerhaltige Produkte entscheiden.

Ein weiterer Vorschlag, der von Renate Künast unterbreitet oder zumindest ihr in der weiteren Diskussion zugeschrieben wurde: direkte Auflagen an die Industrie, extrem zuckerhaltige Produktvarianten vom Markt zu nehmen.

Variante drei, s.o.: eine Zuckersteuer.

Fazit: In der Engführung auf die Frage nach Politikmaßnahmen relativiert sich die Frage, wie stark (in Bezug auf Fettleibigkeit) die Auswirkungen von Zucker im Vergleich zu den Auswirkungen von Fett, Bewegung (oder Bewegungsmangel) und anderen Faktoren sind. Am Ende geht es vielmehr darum, aus welchen der Faktoren sich geeignete Ansatzpunkte für politisches Handeln herleiten.

Offen blieben in der Sendung die Fragen (a) „Führt eine Verringerung des Zuckerkonsums zu weniger Fettleibigkeit in der Bevölkerung“ und (b) „Würden besser informierte Verbraucher sich für weniger zuckerhaltige Produkte entscheiden?“ sowie der (c) Vorwurf der Täuschung der Verbraucher durch die Industrie.

Der Vorwurf der Täuschung (c) würde – wenn er sich erhärtet – zwar der Forderung nach besserer Verbraucherinformation Nachdruck verleihen. Aber auch dann, wenn man den Vorwurf der Täuschung fallen ließe, gäbe es immer noch ausreichend Grund für eine Verbesserung der Verbraucherinformation: besser informierte Verbraucher würden (mutmaßlich, siehe (b)) weniger Zucker zu sich nehmen und wären (mutmaßlich, siehe (a)) weniger krank.

Frage (b) ist relevant ausschließlich für die Auwahl zwischen geeigneten Politikmaßnahmen.

Frage (a) ist in hohem Maße entscheidungsrelevant. Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Suchmaschinen-Abfragen nach Stichwortkombinationen wie „sugar; obesity; health; meta-analysis“ oder „consumption softdrins children weight review“ liefern erste Eindrücke.