Open Expertise mit visualisierter Problemstrukturierung

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Wer wissen will, wie man Tintenfisch im Schnellkochtopf zubereitet oder was zu tun ist, wenn der an den neuen Computer angeschlossene Drucker nur noch Murks wie „?¤€8?÷¿“ von sich gibt, der wird darauf sicherlich, mit Hilfe von Google, in einem der zahlreichen Online-Foren eine Antwort finden.

Viel schwieriger ist es, sich einen Überblick zu einer laufenden Debatte zu verschaffen. Die bekannten Internet-Kommunikationsformate helfen oft nicht weiter. Relevante Informationen gehen meist im allgemeinen Rauschen unter. Wer erst zwanzig und mehr Seiten voll mit Kommentaren lesen muss, um sich einen Überblick zu verschaffen, der verzichtet oft darauf, sich an der Debatte zu beteiligen – oder schreibt, was ihm in den Sinn kommt, ohne Rücksicht darauf, ob dies vielleicht schon Thema gewesen war.

Empirische Studien zum Niveau der Diskursqualität im Internet dokumentieren weitere Fehlfunktionen. „Gut organisierte und größere Akteure“ überwiegen „gegenüber informellen und eher ressourcenschwachen Akteuren“, hält das im Auftrag des Bundestages erstellte Gutachten „Die Besonderheiten netzbasierter politischer Kommunikation am Beispiel des Genfood-Diskurses“
fest. „Die formale Gleichheit ressourcenstarker und ressourcenschwacher Akteure im Internet wird dadurch unterlaufen, dass am Ende primär die ohnehin schon bekannten Akteure eine hohe Sichtbarkeit im Netz erlangen.“

 

Die Lösung: Argumentationskarten

Debatten-Visualisierungs-Instrumente, wie sie Debattenprofis zum Einsatz bringt, haben das Potenzial, mit all dem auf einen Schlag aufzuräumen. Argumentationskarten verschaffen Klarheit darüber, welche Themen bereits in die Diskussion eingebracht wurden und wie ausführlich diese besprochen wurden: Ein Blick auf die Karte genügt, um zu sehen, welche Bereiche besonders verästelt und somit ausgearbeitet sind. Wer etwas ergänzen will, kann dies tun, ohne sich zuvor durch dutzende Seiten von Vorgänger-Kommentaren arbeiten zu müssen und ohne bereits Gesagtes zum Xten-Male wiederholen zu müssen. (Siehe: Wie funktionieren Argumentkarten?)

Besonders erleichtert wird dadurch die Arbeit von Gruppen, die es mit einer Vielzahl von Dokumenten und Stellungnahmen zu ein- und demselben Thema zu tun habe. Ein Beispiel: Für den 2005 im Auftrag der Bundesregierung erschienen „Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung: Internet und Demokratie“ wurden dreizehn Einzelstudien von je meist mehr als hundert Seiten erst analysiert und anschließend auf 128 Seiten zusammengefasst. Ein gigantischer Aufwand an Papierarbeit. Mit einer Debattenkarte hätte man den Vorgang um einiges einfacher gestalten können – für alle Beteiligten.

Dadurch, dass die Karte so angelegt ist wie ein sich immer weiter verzweigender Baum, bleiben die großen Linien auch dann gleicher Maßen sichtbar, wenn einige Bereiche der Debatte stärker ausgearbeitet sind und mehr Zuspruch erfahren haben als andere. Debatten bekommen so weniger leicht Schlagseite. Auch wenn einige Teilnehmer über mehr Ressourcen, sprich: (bezahlte) Zeit verfügen, um ihren Standpunkt auszuarbeiten, hat dies keine Auswirkung auf die Gesamtdarstellung.

Die Technik erlaubt es ferner, zwischen bloßer Meinungsbekundung und dem Beisteuern von Argumenten zu trennen. Wer ein Argument beisteuern will, auf einen neuen Aspekt aufmerksam machen will oder Evidenzen einbringen möchte, kann dies tun, indem er der Debatte neue Elemente hinzufügt. Wer lediglich seiner Meinung Ausdruck verleihen will, kann existierende Einträge kommentieren und bewerten.

Bisherige Untersuchungen zeigen, dass Gruppen von bis zu einigen hundert Teilnehmern in der Lage sind, gemeinsam über Argumentations-Visualisierungs-Programme zu kommunzieren und dabei Arbeitsaufgaben besser bewältigen können als mit Hilfe von Wikis oder Foren.

Verschiedene Formate kommen auf Debattenprofis. zum Einsatz. FürundWider ist ein Instrument für Stakeholderkonsultationen, die sich über einen Zeitraum von mehreren Wochen erstrecken. Der Faktencheck ist ein speziell für Online-Medien konzipiertes Format, welches investigative Recherche zu Kontroversen vor wissenschaftlichem Hintergrund mit Elementen der Leserpartizipation (Crowdsourcing) verbindet.

 

FürundWider

Ein FürundWider beginnt mit einer umfangreichen Recherche und eine ersten Problemstrukturierung. Dabei kommen so genannte Argumentationsschemata zum Einsatz: Schablonen, die bei der Zergliederung von komplexen Themen helfen und, wichtiger noch, auf systematischen Weg zu einer Reihe von kritischen Fragen oder Einwänden führen, die es zu prüfen gilt.

Teil der Basisrecherche ist die Erstellung einer Akquise eines Expertenteams (10 bis 15 Teilnehmer) und einer Jury (ca. 5 Teilnehmer). Dabei werden die verschiedenen Disziplinen und Akteursgruppen ebenso berücksichtit wie die Unterschiedlichkeit der Standpunkte.

Mit Jury und Experten werden anschließend Interviews durchgeführt. Die Gesprächsführung orientierte sich nicht an einem einheitlichen Fragenkatalog, sondern folgte dem sich über den Projektzeitraum weiter entwickelnden Stand der Recherche. Ergebnisse der Interviews werden protokolliert, sich daraus ergebende Änderungen im Diskussionsstand zusammengefasst und auf der Webseite veröffentlicht.Weitere Teilnehmer können die Berichte auf der Webseite kommentieren und ergänzen.

Parallel zu den sich über einen Zeitraum von mehreren Wochen erstreckenden Konsultationen von Jury und Expertenteam wird eine detaillierte Argumentationskarte erstellt. Forumsbeiträge werden sukkzessive in die Karte eingespeist.Die jeweils aktuelle Version der Karte wird ebenfalls über die Webseite veröffentlicht. Eine Befragung der Jurymitglieder bildetet den Abschluss.

 

Faktencheck

Auch beim Faktencheck steht die visualisierte Problemstrukturierung in Form einer Argumentkarte im Mittelpunkt. Die Karte begleitet die durch einen Fachjournalisten durchgeführte Recherche. Ein fortlaufend ergänztes Rechercheprotokoll ergänzt die Argumentkarte und fasst aktuellen Stand zusammen.

Argumentationskarte und Rechercheprotokoll werden nicht nur auf Debattenprofis, sondern auch auf den Seiten von Medienpartnern veröffentlicht. Ergänzt wird das Format um ein Element der kollaborativen Recherche: Leser haben während der über mehrere Tage laufenden Aktion die Möglichkeit, sich durch Kommentare im Forum an der Recherche zu beteiligen. Die Kommentare werden laufend in die Argumentkarte übertragen. Die Karte steht unter einer Creative Commons Lizenz, welche die Weitergabe und Nutzung des Materials durch Dritte ermöglicht.