Announcement: Die Serie „Faktencheck“ (2012-2013)

Von Oktober 2012 bis August 2014 wurde auf diesen Seiten die Rubrik „Faktencheck“ veröffentlicht. Der Faktencheck verband Elemente der Leserpartizipation mit investigativer Recherche zu kontroversen Fragen, die einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Über einen Zeitraum von drei Tagen fand eine Live-Recherche statt…

Ergebnisse der Recherche wurden auf debattenprofis.de sowie auf den Seiten der Medienpartner faz.net, telepolis.de und freitag.de online veröffentlicht. Leser hatten die Möglichkeit, sich im Forum an der Recherche zu beteiligen. Ein Moderator übertrug sowohl laufende Kommentare wie Ergebnisse der Live-Recherche auf eine Wissenskarte.

Die Auswahl der Themen geschah in Abstimmung mit einer Themen-Jury. Dieser gehörten an:

  • Michael Angele (Ressortleiter Kultur, Der Freitag)
  • Christina Beck, Max-Planck-Gesellschaft (Referatsleiterin Wissenschaftskommunikation)
  • Klaus Dartmann, WPK e.V. (Mitglied des Vorstands)
  • Ralf Grötker, Journalistenbüro Schnittstelle (Projektleitung Faktencheck)
  • Sascha Karberg, Journalistenbüro Schnittstelle
  • Joachim Müller-Jung, FAZ (Ressortleiter Natur und Wissenschaft)
  • Florian Rötzer, Telepolis (Chefredakteur)

Die Durchführung des Projekts wird ermöglicht durch die Robert Bosch Stiftung.

Einen Zwischenbericht zum Projekt finden Sie hier:

Grötker, R. “Die Weisheit der vielen? Organspende, grüner Konsum, Sitzenbleiben:  “Faktencheck”: Die Bilanz eines Online-Experiments”. F.A.Z., Beilage Natur und Wissenschaft, S. N2. 10.04.2013 (Manuskriptversion hier)




Faktencheck Praena-Test: Abschlussbericht

Ein Abschlussbericht des „Faktencheck Praena-Test“ ist ab sofort als Working Paper des Social Science Research Network erhältlich:

http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2306563

Darum geht’s:

Seit vergangenem August ist der „Praena Test“ in Deutschland auf dem Markt: Ein Blut-Gentest, mit dem sich mit hoher Wahrscheinlichkeit diagnostizieren lässt, ob bei einem Fetus die Chromosomen-Anomalie Trisomie 21 vorliegt. Kritiker wie Befürworter des Tests sprachen bereits im vergangenen Jahr von einer „neuen Ära der Pränatalmedizin“. Nun zeichnet sich ab, dass mit Hilfe des gleichen Testverfahrens zunehmend auch andere Chromosomen-Abweichungen sowie Krankheiten erkennen lassen. Viele der bisherigen Vereinbarungen und gesetzlichen Regelungen zum Thema vorgeburtliche Untersuchung und Gendiagnostik stehen damit zur Disposition. Ende April hat der Deutsche Ethikrat seine lange angekündigte „Die Zukunft der genetischen Diagnostik“ vorgestellt. Mit dem „Faktencheck Praena-Test“, der im Mai und Juni 2013 als mehrteilige Online-Serie auf den Seiten von faz.net, Freitag.de, Telepolis und Debattenprofis veröffentlicht wurde, haben wir die Stellungnahmen des Ethikrats unter die Lupe genommen und sind den Vorschlägen nachgegangen, die in Hinblick auf den weiteren Umgang mit nicht-invasiven vorgeburtlichen Genscreenings im Raum stehen. Die einzelnen Folgen des Faktenchecks sowie die Ergebnisse der Leserbefragungen sind online zugänglich. Der Bericht fasst die einzelnen Teilveröffentlichungen zusammen.

Der „Faktencheck Praena-Test“ wurde ermöglicht durch eine Förderung der Robert Bosch Stiftung und Sponsoring über die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de.

 

 




Faktencheck Praena-Test (3): In der Pipeline

Der im vergangenen Jahr in Deutschland eingeführte „Praena-Test“ ermöglicht es, bereits in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft via Blut-Gentest das Risiko einer Trisomie 21 und anderer Chromosomen-Defekte zu bestimmen. Sollte die Verwendung des Tests via Gesetz eingeschränkt werden, um allzu leichtfertige Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern? In diesem dritten und letzten Teil des „Faktencheck Praenatest“ geht es insbesondere um die Frage, inwiefern  zukünftige Pharma-Entwicklungen eine solche Einschränkung notwendig machen könnten.

Der Beitrag erscheint parallel auf den Seiten von faz.net, freitag.de und telepolis.

Mit Teil (2) sind wir in die Diskussion darüber eingestiegen, ob der Praena-Test es erforderlich macht, die heute geltenden Beratungspflichten vor in Anspruchnahme praenataler Diagnostik (deren Resultate möglicher Weise Frauen und Paare dazu veranlassen, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen),  zu verschärfen. In diesem letzten Teil setzen wir die Debatte über die Argumente fort, die für oder wider eine solche Verschärfung sprechen.

Hier noch einmal das gesamte Argument im Überblick:

 

Schnappschuss 5

 Das erste Argument („Die Bereitststellung von Risiko-Befunden…“) wurde in Teil 2 ausführlich erörtert. Es bleiben somit:

  • These: „Heute bereits praktizierte Untersuchungsmethoden erfüllen in vielerlei Hinsicht nicht wünschbare und plausible Standards. Deshalb sollten sie nicht als Messlatte dienen“
  • These: „Die zukünftige Entwicklung des Praena-Tests macht Fehlentwicklungen wahrscheinlich“

 

Heutige Praxis keine Messlatte

Zunächst zur These

„Heute bereits praktizierte Untersuchungsmethoden erfüllen in vielerlei Hinsicht nicht wünschbare und plausible Standards. Deshalb sollten sie nicht als Messlatte dienen“

Zwei Argumente lassen sich in diesem Kontext aufführen. Erstens: Es gibt Anzeichen dafür, dass den gesetzlichen Vorgaben für Beratung in vielen Fällen nicht entsprochen wird. Ein Blick in die Richtlinie der Gendiagnostik-Kommission, welche die Inhalte der bei pränatalen Untersuchungen verpflichtenden Beratungen festlegt, zeigt: Bei genetischen Beratungen im Rahmen der vorgeburtlichen genetischen Untersuchung und der vorgeburtlichen Risikoabklärung muss insbesondere auf das für alle Schwangerschaften geltende Basisrisiko für das Vorliegen von gesundheitlichen Störungen beim Neugeborenen hingewiesen werden. Außerdem sollen die „Entscheidungsalternativen Wissen – Nichtwissen“ thematisiert werden.

Soweit sich dies aus anekdotischen Beispielen (siehe Interviews in Teil 2) erschließt, wird diesen Vorgaben in der Praxis nicht immer Genüge getan!

Zweitens: Darüber hinaus ließen sich einige plausible Wünsche hinsichtlich von Aspekten formulieren, die in der Vorgabe der Gendiagnostik-Kommission nicht thematisiert werden. So zeigt zum Beispiel eine Reihe von Studien, dass anschauliche Informationen und persönliche Erfahrungen über das Leben mit Behinderten ein relevanter Faktor sind für die Entscheidung pro/contra das Screening (Etchegary 2008; Gottfredsdóttier 2009; Kelly 2009). Daraus könnte man die Forderung ableiten, dass diesbezügliche Informationen Teil der Beratung sein sollten. Tatsächlich jedoch sind sämtliche Aspekte, welche die konkrete phänotypische Ausprägung von genetischen Erkrankungen betreffen sowie Lebenswirklichkeiten von Familien mit behinderten Kindern, nicht Bestandteil der ärztlichen Beratung, wie sie vor der Durchführung pränataler Untersuchungen vorgeschrieben ist. Die aufgeführten Elemente fehlen in der für die Inhalte der verpflichtenden Ärzte-Fortbildungen maßgeblichen Richtlinie der Gendiagnostik-Kommission. Die Ausbildung erfolgt zudem ausschließlich durch Mediziner. (Und wenn es nach dem Willen der Bundesärztekammer ginge, dann würden auch die Ausbildungsvorschriften nicht von der Gendiagnostik-Kommission am Robert-Koch-Institut bestimmt, sondern von der Bundesärztekammer – siehe die „Gemeinsame Erklärung“ der Verbände vom 04. April 2013, in der eine diesbezügliche Novellierung des Gendiagnostik-Gesetzes gefordert wird.)

Schnappschuss 9b
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Soweit die Argumente gegen die Annahme, dass der Status quo in Sachen Pränataldiagnostik als Messlatte geeignet ist, um zu beurteilen, ob es hinsichtlich des Praena-Tests neuer Regelungen bedarf.

 

Die zukünftige Entwicklung

Recherche: Erika Feyerabend

Der letzte Block hat das Argument: Die zukünftige Entwicklung des Praena-Tests macht Fehlentwicklungen wahrscheinlich “ zum Gegenstand. Hier ist die Sachlage relativ einfach: Die von den Autoren des Ethikrat-Sondervotums angeführte Behauptung „Realistische und hinreichend wahrscheinliche Fehlentwicklungen sind im Falle des Praena-Tests nicht gegeben“ ist deshalb angreifbar, weil der technologische Fortschritt bereits in allernächster Zukunft Entwicklungen mit sich bringt, die von den Ethikrat-Ethikern nicht ins Auge gefasst werden. Insbesondere die zur Untermauerung angeführte Begründung, dass die Problematik „im Wesentlichen der des Schwangerschaftskonflikts nach invasiver Pränataldiagnostik“ entspricht, kann deshalb kritisiert werden.

Die Gründe: Der Praena-Test testet bereits heute nicht nur auf die Trisomien 21, 18 und 13, sondern auch auf das Turner-Syndrom (Monosomie X). Das Syndrom tritt nur bei Mädchen auf und kann mit Herzfehlern und Hörproblemen einhergehen. Die Kinder sind etwas kleiner als der Bevölkerungsdurchschnitt, im Erwachsenenalter meist unfruchtbar und haben unter Umständen einen etwas dickeren Nacken. Ansonsten sind sie in ihrer geistigen Entwicklung  meist weitgehend „normal“. Trotz der vergleichsweise geringen Einschränkungen, die mit dem Turner-Syndrom oft einhergehen,wird der Praena-Test einen Schwangerschaftsabbruch zur Wahl stellen.
Schnappschuss 9c

Man könnte hier jedoch dafür argumentierten, dass ein Schwangerschaftsabbruch aufgrund eines Turner-Syndroms ebenso wenig gerechtfertigt wäre, wie aufgrund des Geschlechts eines Fötus eine Schwangerschaft zu beenden. Mit gutem Grund verbietet der Gesetzgeber die Preisgabe von Informationen bezüglich des Geschlechts vor der 12. Woche (also innerhalb der gesetzlichen Frist, in der sich eine Frau noch relativ leicht für eine Beendigung der Schwangerschaft entscheiden kann). Man könnte hier – rein theoretisch – dafür argumentieren, dass auch weitere Merkmale vor Ablauf der 12. Woche nicht mitgeteilt werden dürfen.

Zu den Details: Der „Panorama-Test“ wird momentan deutschen Gynäkologen vorgestellt. Der Test wird in Deutschland von dem Laborunternehmen Amedes in Verkehr gebracht. Hersteller ist die US-amerikanische Firma Natera. Die zur Gewinnung der Testresultate erforderlichen Analysen des mütterlichen Blutes werden nicht in Deutschland sondern den Natera-Labors in Kalifornien durchgeführt. Erkennbar sollen sein: Trisomien 21, 18, 13, Monosmie X (Turner-Syndrom). Der Test wird ebenfalls als IGeLeistung vermarktet und kostet derzeit 635 Euro. Der Preis ist somit deutlich geringer als der des „PraenaTest“ der Firma Lifecodexx (der inzwischen aber auch schon für  deutlicher weniger als die noch vor kurzem genannten € 1.250 angeboten wird). (Zu den medizinischen Details: siehe Eiben 2013.)

Screenings auf zystische Fibrose und Klinefelter werden vermutlich ebenfalls bald verfügbar sein, wie die Lifecodexx-Vertreterin Wera Hofmann dies auf dem Hearing des Ethikrates im vergangenen Jahr darlegte. Kinder, die diesen chromosomalen Abweichungen zur Welt kommen, sind oftmals nur sehr geringfügig in ihren Fähigkeiten beeinträchtigt. Ein –allein durch den Praena-Test möglicher! – Nachweis der genannten Abweichungen in einem frühen Stadium der Schwangerschaft könnte auch hier dazu führen, dass Frauen sich zu einem Abbruch der Schwangerschaft entscheiden.

Über Turner-Syndrom, zystische Fibrose und Klinefelter hinaus wird es vermutlich auch bereits in naher Zukunft möglich sein, mittels des Praena-Test Micro-Veränderungen (so genannte „subchromosomale Abnormalitäten„) im Erbgut zu erkennen (s. Srinivasan 2013). Diese Micro-Veränderungen gehen ebenfalls einher mit einer Reihe von bekannten Syndromen und Behinderungen (wie dem Jacobsen Syndrom, dem Wolf-Hirschhorn Syndrom,  dem Katzenschrei-Syndrom und der Charcot-Marie-Tooth-Krankheit – alles Beeinträchtigungen, die als Grund für einen Schwangerschaftsabbruch fragwürdig erscheinen können. Hinzu kommen eine Vielzahl von Micro-Veränderungen im Erbgut, die zwar erkannt werden können, von denen man aber nicht weiß, wie und ob sie sich am geborenen Menschen bemerkbar machen.

Anders als die Analyse des gesamten Erbgutes des Embryos auf Grundlage der mütterlichen DNA („whole genome recovery“), die zwar im Labor bereits gelungen ist (Chen 2013), aber als Medizinprodukt in naher Zukunft noch nicht auf den Markt kommen wird, handelt es sich bei dem Screening auf subchromsomale Abnormitäten um ein Verfahren, das schon recht bald Ärzten und Patienten angeboten werden dürfte.

Trotz all dieser Entwicklungen könnten sich Bemühungen um eine Ausweitung von Beratungspflichten vor Inanspruchnahme eines Praena-Tests als müßig erweisen. In Kürze wird es nämlich möglich sein, dass Schwangere den Test aus dem Internet bestellten und als Direct-to-Consumer Produkt in Anspruch nehmen – ohne ihren Arzt zu befragen. Der Preis: Um die € 500. (Harmony Prenatal Test von Ariosa. Medinische Details hier und bei Nicolaides 2013). Auf Weiterbildungs-Seminaren zum Thema Praena-Test wurde darüber hinaus davon berichtet, dass das Bejing Genomic Institute und die Firma Gennet mit Sitz in Prag von ihrer Niederlassung in Prag aus Praena-Tests für € 300 und weniger anbieten würden.

Zielgruppe: Alle Schwangere

Mit sinkendem Preis wird der Test vermutlich auch für eine größere Gruppe von Frauen interessant – was zu einer Verschärfung aller in diesem Faktencheck angesprochenen Probleme führt. Eine solche Ausweitung wird von der deutschen Gesellschaft für Humangenetik in ihrer Erklärung vom November 2012 ausdrücklich empfohlen:

„Da bei nicht invasiven vorgeburtlichen Untersuchungsmethoden die Abwägung von Eingriffsrisiken gegen die Wahrscheinlichkeit für eine Krankheit/gesundheitliche Störung des Kindes entfällt, hat dies zur Folge, dass die Untersuchung keiner Schwangerenvorenthalten werden kann, bzw. allen Schwangeren verfügbar gemacht werden sollte.“

In der Schweiz wird,  Berichten der Basler NGO Appell zufolge, ein Praena-Test mit dem Namen Genesupport der Firma PrenDia in einigen Krankenhäusern bereits Frauen aller Altersgruppen angeboten wird und nicht Schwangeren, die aufgrund ihres Alters und Befunden von Ultraschall-Untersuchungen und Ersttrimester-Screening ein stark erhöhtes Risiko auf Trisomie 21 haben. Der Genesupport-Test dient dem Nachweis der Trisomien 21, 18 und 13 (wie der seit vergangenem Sommer in Deutschland erhältliche Praena-Test von Lifecodexx); darüber hinaus lässt sich mit ihm aber auch das Risiko für die Trisomien 16 und 22 bestimmen, das Turner Syndrom sowie für die Chromosomenstörung 47 xxx oder „Triple X“. (Bei letzter Störung sind Frauen meist überdurchschnittlich groß. Einige Betroffene haben Zyklusstörungen, einige eine leicht unter der familiendurchschnittlichen Intelligenz. Oft wird die Störung gar nicht entdeckt. „47xxx“ tritt mit einer Häufigkeit von 1:1000 auf.)

Der rechtliche Rahmen

Eine besondere Zulassungsprüfug bedarf es übrigens für alle diese Praena-Tests nicht. Sie gelten lediglich als Medizinprodukte. Für das Inverkehrbringen braucht es lediglich eine CE-Zertifzierung, die in europaweit harmonisiert ist und in Deutschland vom TÜV oder der DEKRA vergeben wird. Gegenstand der Zertifizierung ist dabei lediglich die Software, mit deren Hilfe die Testergebnisse ausgewertet werden. Die molekularbiologischen Methoden-Baukästen selbst sind nicht CE-zertifizierbar und müssen von den jeweiligen Herstellern zugekauft werden. Die Zulassung für die Methoden-Baukästen ist meist „for research only“. All dies könnte Gegenstand von rechtlichen Auseinandersetzungen werden.

So erklärt Prof. Scharf vom Zentrum für Pränataldiagnostik in Darmstadt:

Eine spezifische Besonderheit des Panorama-Tests in seiner gegenwärtigen organisatorischen Ausbaustufe ist, daß die molekulargenetische Untersuchung (technische Testdurchführung – eigentliche Laborleistung) in den USA duchgeführt wird, die Probenentnahme und ärztliche Ergbnismitteilung (ärztliche Leistung) dagegen in Deutschland durch den behandelnden Gynäkologen erfolgt. Überdies ist dieses technische Laborverfahren bisher in Deutschland nicht CE-zertifiziert und folglich nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) noch nicht als in-vitro-Diagnostikum zugelassen. Diese augenblickliche Situation  wirft damit eine Fülle ungeklärter medizinischer und juristischer Fragen auf.

Soweit der Faktencheck zu der vom Ethikrat-„Sondervotum 2“ als Begründung für gesetzgeberische Enthaltsamkeit ins Spiel gebrachten Behauptung, dass mit dem Praena-Test „keine prinzipiell neuartigen oder andersartigen diagnostischen Informationen“ zur Verfügung gestellt würden und „eine Ausweitung von nichtinvasiven Diagnoseverfahren (…) eher unwahrscheinlich“ sei.
Die zusammengetragenen Fallbeispiele von Produkten, die sich derzeit in der Markteinführung befinden, sprechen insgesamt eher dafür, dass eine „Ausweitung“ bereits im Gange ist. Die Konkurrenzsitution auf dem Markt bewirkt bereits heute eine preisliche Dynamik, die vermutlich auch dazu führen wird, dass die Praena-Tests vermehrten Absatz finden werden – auch unter Frauen, die nicht als Hochrisiko-Schwangere einzuordnen sind. Der Konkurrenzdruck führt gleichfalls dazu, dass Anbieter ihr Produkt um weitere Diagnoseleistungen ergänzen, um sich damit auf dem Markt abzuheben. Auch dies ein deutlicher Fall von „Ausweitung“.

Rückblick

Hier noch ein Rückblick auf das vollständige Argument.  Zur Erinnerung: Die  etwaige Ausweitung von nichtinvasiven Diagnoseverfahren ist eingebettet in die übergreifende Frage für und wider die Verschärfung von Beratungspflichten vor Durchführung eines Praena-Tests. (Siehe Teil 2.) Nach Abschluss der Beweisaufnahme noch einmal alles im Überblick:

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Wenn Sie möchten, können Sie sich noch von unserem Argument-Browser noch einmal durch die bisherig Argumentation führen lassen und die einzelnen Stationen bewerten und kommentieren.

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Resultate der Leserbefragung werden in Kürze hier veröffentlicht.

 

 

Links und Literatur auf Extra-Seite

 

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Der „Faktencheck Praena-Test“ wird gefördert durch die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de.

Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

 

Der “Faktencheck Praenatest” wird unterstützt von:

  • Petra Blankenstein (Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik)
  • Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB)
  • Prof. Dr. med. P. Kozlowski, praenatal.de
  • Dr. Oliver Kreuzer
  • Eva-Maria Schnurr
  • Irene Stratenwerth



Faktencheck Praena-Test (2): Mehr Schutz für ungeborenes Leben?

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Ralf Grötker

Der im vergangenen Jahr in Deutschland eingeführte „Praena-Test“ ermöglicht es, bereits in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft via Blut-Gentest das Risiko einer Trisomie 21 und anderer Chromosomen-Defekte zu bestimmen. Sollte die Verwendung des Tests via Gesetz eingeschränkt werden, um allzu leichtfertige Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern? Wir führen, begleitend zur Stellungnahme des Ethikrates eine Open Expertise zum Thema durch. Was sind die Argumente? Was ist die Meinung von Selbsthilfeorganisationen und Nicht-Experten?

Der Beitrag erscheint parallel auf den Seiten von faz.net, freitag.de und telepolis.

Im ersten Teil des Faktencheck Praena-Test ging es darum, ob moralische Bedenken insbesondere hinsichtlich der Diskriminierung Behinderter die Forderung untermauern können, dass die Finanzierung des Praena-Tests nicht durch die öffentliche Hand erfolgen soll (konkret: durch die gesetzlichen Krankenkassen). Mitglieder des Ethikrates hatten diese Forderung in einem Sondervotum zu der vor kurzem veröffentlichten Stellungnahme „Die Zukunft der genetischen Diagnostik“ vorgebracht.

Dieser zweite Teil befasst sich mit der Frage, ob es angesichts der Möglichkeiten, die sich mit dem Praena-Test eröffnen, nötig sein wird, neue Maßnahmen zum Schutz des ungeborenen Lebens zu treffen. Diese Forderung (nach einem „über die Pflichtberatung nach §218a Abs. 1“ hinausgehenden „Schutzkonzept“) wird dem Gesetzgeber vom Ethikrat in seiner jüngsten Stellungnahme ausdrücklich nahe gelegt.

Wir stellen im Folgenden mögliche Argumente für und gegen eine solche Forderung nach einem „Schutzkonzept“ zusammen. Dabei geht es vor allem darum,

  • ob eine „informierte Entscheidung“ in Kenntnis der eigenen Risiko-Situation wirklich hilfreich ist
  • ob die bisherige Praxis im Umgang mit vorgeburtlicher Diagnostik als Messlatte zur Beurteilung möglicher Schieflagen taugt, die durch den Praena-Test hervorgerufen werden könnten
  • ob zukünftige Verfahren zur pränatalen Risiko-Bestimmung gesellschaftliche Fehlentwicklungen befürchten lassen

 

Achtzehn dafür, acht dagegen

Ein neues „Schutzkonzept“: Achtzehn der insgesamt 26 Mitglieder der Ethikrates halten dies für notwendig. Acht Mitglieder, darunter der Hamburger Jurist Reinhard Merkel und der Medizinethiker Jochen Taupitz, sprechen sich dagegen aus.

Die umstrittene Forderung nimmt ausdrücklich Bezug auf den Paragraphen 218. Hier wird im Strafgesetzbuch der Schwangerschaftsabbruch geregelt. Möglicherweise entsteht durch diese direkte Bezugnahme der Eindruck, es solle mit der Forderung nach einem „Schutzkonzept“ der mühsam erreichte gesellschaftliche Kompromiss aufgekündigt werden, den der § 218 in seiner jetzigen Form darstellt. Zielführender wäre es vielleicht gewesen, wenn die Befürworter eines Schutzkonzeptes nicht den Schwangerschaftsabbruch ins Auge gefasst hätten, sondern die Beratungspflicht vor der Durchführung vorgeburtlicher Untersuchungen. Diese wird jedoch nicht im Strafgesetzbuch geregelt, sondern im Gendiagnostik-Gesetz. Die Konkretisierung der Beratungspflichten erfolgt der Richtlinie der Gendiagnostik-Kommission.

Wie die weiteren Ausführungen zeigen, hängt von den Details der Beratung vor einer vorgeburtlichen genetischen Untersuchung vieles ab. Indem der Ethikrat das Thema „Schutzkonzept“ auf so blasse Weise wie irgend möglich aufs Tapet bringt und dabei auch noch ausschließlich auf das Thema Schwangerschaftsabbruch fokussiert, werden hier die vielleicht zentralen Fragen so gut wie überhaupt nicht beachtet. Doch der Reihe nach.

Das Argument der Gegner

Wir beginnen mit der Position der Gegner eines „Schutzkonzepts“ (also der Linie Merkel-Taupitz). Hier ist das Argument:

(1) Ein „Schutzkonzept“ stellt eine Einschränkung von Grundrechten der Schwangeren in Hinsicht auf den Zugang zu wichtigen Informationen dar.
(2) Die Einschränkung von Grundrechten setzt realistische und hinreichend wahrscheinliche Fehlentwicklungen voraus
(3) Realistische und hinreichend wahrscheinliche Fehlentwicklungen sind im Falle des Praena-Tests nicht gegeben
: Eine Einschränkung von Grundrechten, wie sie mit einem „Schutzkonzept“ einher gehen würden, ist nicht zu rechtfertigen.

Wir befassen uns im Folgenden mit den Thesen (1) und (2). Drei Argumentations-Blöcke stehen dabei im Vordergrund:

  • These: „ Die Bereitstellung von Risiko-Befunden führt nicht per se dazu, dass Schwangere eine informierte oder selbstbestimmte Entscheidung treffen. Deshalb muss für die Bereitstellung von Risiko-Befunden genauso argumentiert werden wie dagegen
  • These: „Heute bereits praktizierte Untersuchungsmethoden erfüllen in vielerlei Hinsicht nicht wünschbare und plausible Standards. Deshalb sollten sie nicht als Messlatte dienen“
  • These: „Die zukünftige Entwicklung des Praena-Tests macht Fehlentwicklungen wahrscheinlich“

Schnappschuss 5

Rot gekennzeichnet sind Elemente, die von ihrer Aussagerichtung her den Gegner der Forderung nach einem „Schutzkonzept“ zuzuordnen (also Merkel und Taupitz) sind. Ein „Plus“ zeigt an, dass eine These ein übergeordnetes Element unterstützt. Ein „Minus“ entkräftet das unmittelbar übergeordnete Element.

„Geschäft mit der Angst“

Gibt es ein „Grundrecht“ auf Informationen jener Art, wie sie das Resultat von vorgeburtlichen Untersuchungen darstellen? Handelt es sich überhaupt um „wichtige Informationen“?

Einige Leser, die sich am ersten Teil des Faktencheck Praena-Test beteiligt haben, stellen dies in Abrede:

„Mit der Angst der Schwangeren werden Geschäfte gemacht“

schreibt eine Leserin. Was man so verstehen könnte, dass diese „Geschäfte“ nicht im Eigeninteresse der betreffenden Frau sind und sie sich darauf auch nicht einlassen würde, wenn sie richtig informiert wäre und nicht einfach aus einem Gefühl der Angst heraus handeln würde – einer Angst, welche die „Geschäftemacher“ mit den von ihnen angebotenen Dienstleistungen möglicher Weise erst schüren.

Ein anderer Kommentar:

„Es hat nichts mit Fairness zu tun, jemanden mit Wissen auszustatten, der ihn in eine angreifbare Situation (hinsichtlich des gesellschaftlichen Drucks, “unproduktives und teures” Leben auf jeden Fall zu verhindern) zu führen.“

Hier wird der Verdacht geäußert, dass das Wissen, welches Frauen und Paare durch den Praena-Test erlangen, ihnen unterm Strich nicht wirklich nutzt – dass sie, alles in allem betrachtet, ohne dieses Wissen in einer bessere Lage wären. Was ist dran an diesen Vorwürfen?

Wir haben zwei Argumentationslinien gefunden, mit welcher sich die skizzierte skeptische Position begründen ließe.

Schnappschuss 6

 

 

Entscheidung im Kontext

Es ist zu kurz gedacht, die „informierte Entscheidung“ auf einen Entscheidungsakt der einzelnen Frau zum Zeitpunkt X zu reduzieren! Denn: gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen, als Setzungen, maßgeblich in diese Entscheidung mit hinein und beeinflussen das Ergebnis. (Im Fachjargon wird dieser Sachverhalt unter „relational autonomy“ diskutiert: s. Seavilleklein 2009.) Diese Rahmenbedingungen aber sind jenseits der Einflussmöglichkeit der einzelnen Frau oder des einzelnen Paares. Konkret zu nennen wäre hier die ganze Art und Weise, wie die Schwangerschaft als „Risiko“ klassifiziert und so der Eindruck erzeugt wird, dass hier im Falle Besorgnis erregender Werte, quasi medizinisch-objektiv, Handlungsbedarf besteht.

 Schnappschuss 7

Um konkret zu werden: Zwei anekdotischen Beispiele, die wir im Rahmen von Interviews zum Thema erhoben haben, zeigen, dass dieser quasi-objektive Handlungsbedarf tatsächlich von Seiten der behandelnden Ärzte auch kommuniziert wird:

Anne Kathrin Plate, 35 Jahre, Sohn Toni mit Downsyndrom, 8 Jahre

Wie wurden Sie vor Ihrer Ultraschalluntersuchung beraten?

„Beim Ultraschallscreening in der 21 Schwangerschaftswoche wurde festgestellt, dass unser Sohn einen Herzfehler hat. Diese Untersuchung hat meine Frauenärztin einfach gemacht, obwohl wir sie gar nicht durchführen lassen wollten. Sie meinte aber sinngemäß, wir machen das jetzt mal.Letztlich war das gut, weil so die Geburt optimal vorbereitet werden konnte. Mein Kind kam in Berlin statt in Halle zur Welt und wurde sofort ins Deutsche Herzzentrum verlegt und war dadurch optimal versorgt. Uns wurde aber nach dem Ultraschallscreening auch gesagt, ich müsse nun zur Feindiagnostik und zur Fruchtwasseruntersuchung an die Charité nach Berlin. Ich hatte Angst vor dieser Untersuchung. Erst durch eine befreundete Hebamme habe ich erfahren, dass die Fruchtwasseruntersuchung gar kein Muss ist.“

Haben Sie Diskriminierung von Seiten der Ärzte erlebt?

„Wir wollten das Kind, so wie es ist. Dann ist es auch nicht wichtig zu wissen, wie es genetisch beschaffen ist. Aber ein Arzt meinte: „Machen Sie erst einmal die Fruchtwasserpunktion und danach können die einen Abbruch vornehmen lassen.“ Das war derart unsensibel. Erst später verstand ich, was er da zu mir gesagt hat und ich wurde richtig wütend. Der Arzt in Berlin war lediglich sehr irritiert, dass wir die Fruchtwasseruntersuchung ablehnten, hat das aber akzeptiert. “

 

Kerstin Ellner, 44 Jahre, Tochter Mia mit Downsyndrom 4 Jahre,

Wie haben die Ärzte auf Ihre Entscheidung für das Leben eines womöglich behinderten Kindes reagiert?

„Ich war bei meiner Schwangerschaft über 35 Jahre alt. Alle Ärzte haben mir mehrfach zur Fruchtwasseruntersuchung geraten, ja mich regelrecht dazu gedrängt. Irgendwann habe ich mit dem Fuß aufgestapft und gesagt: Ich will das nicht. „

Sie ahnten vor der Geburt nichts von der Behinderung Ihres Kindes. Wie war es, als die Ärzte ihnen dann den Befund mitteilten?

„Aber die Ärzte haben das Kind nur schlecht gemacht. Ich bekam zu hören: „Diese“ Kinder, schon das Wort „diese“ ist verallgemeinernd und unsensibel, sind nicht in der Lage einen Hauptschulabschluss zu erwerben. Diese Kinder sind ein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen. Die Wahrheit ist: Die Kinder entwickeln sich langsamer. Aber, dass die Eltern ein Kind mit Downsyndrom genauso lieben und damit gut leben werden, sagt keiner. Mein Eindruck ist, dass Ärzte werdende Mütter regelrecht zum Abbruch drängen. Deshalb habe ich auch eine Petition eingereicht, die Bedenkzeit zwischen pränataldiagnostischem Befund und dem Abbruch von derzeit mindestens drei Tagen auf zwei Wochen zu verlängern.“

(Interview: Susanne Donner)

Der Verdacht, der sich hier insgesamt abzeichnet, wird durch Studien bestätigt: Untersuchungen, die in der Regel faktisch meist darauf hinauslaufen, dass im Falle eines sich bestätigenden positiven Testergebnisses ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen wird, werden der Patientin ohne weitere Beratung als Routineuntersuchung angeboten. Dies bestätigt eine kürzlich in Frankreich durchgeführte Studie  (Fragebogen, 400 Frauen):

Ungefähr die Hälfte der befragten Frauen, die sowohl ein Ultraschall-Screening wie eine biochemische Untersuchung [Ersttrimeter-Screening o.ä..] durchlaufen hatten, konnten nicht absehen, dass sie letztendlich mit der Entscheidung hinsichtlich eines Schwangerschaftsabbruches konfrontiert sein würden.

Damit das Argument der „Entscheidung“ im Kontext zugkräftig ist, bedarf es nun aber noch einer zweiten These: Gezeigt werden muss nicht nur, dass in den Rahmenbedingungen eine Art Voreinstellung in Richtung immer weiterer Screenings, und letztlich, eines Schwangerschaftsabbruches einprogrammiert ist. Darüber hinaus muss braucht es auch den Nachweis, dass Schwangere anders handeln und entscheiden würden, wenn die Rahmenbedingungen andere wären! Dieser Nachweis wird, in Grenzen, durch internationale Vergleichsstudien erbracht. Hier konnte gezeigt werden, dass in einem Land wie den Niederlanden, wo der gesamte Verlauf der Schwangerschaft weniger „medizinalisiert“ ist, sich sehr viel weniger Frauen für ein Screening auf Trisomie 21 entscheiden als beispielsweise in den USA oder auch in Deutschland (van den Berg 2005).

Soweit das erste von zwei Argumenten, die dagegen sprechen, den Zugang Risiko-Befunden auf Trisomie 21 als „Grundrecht“ einzuordnen.

Screening verändert die Entscheidung

Nun zum zweiten Argument. In Einzelthese zerlegt, besagt dieses:

(1) Das Wissen oder Nichtwissen um konkrete Risiko-Informationen hat Einfluss darauf, ob eine Frau dazu entschieden ist, im Falle einer Trisomie 21 einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen

(2) Vor Durchführung des Screenings ist der betreffenden Frau möglicherweise nicht bewusst, inwiefern ein Test die Grundlage einer späteren Entscheidung verändert

(3) Wäre ihr bewusst, wie ein Test die Grundlage einer späteren Entscheidung verändert, würde sie sich womöglich gegen den Test (das Screening) entscheiden

Die grundlegende Intuition, die mit dem Argument zum Ausdruck gebracht wird, ist diese: Vermutlich fällt es in einigen Kontexten leichter, nicht-wissend die Geburt eines Kindes mit Behinderung zu akzeptieren, als dies wissend (und mit der Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruches) zu entscheiden und zu verantworten.

Als empirische Basis für das Argument haben wir eine Meta-Studie gefunden, welche die verfügbaren empirischen Untersuchungen zum Thema zusammenführt und auswertet. Das Ergebnis spricht deutlich dafür, dass die Durchführung eines Tests tatsächlich die Entscheidungssituation verändert:

Unter werdenden Eltern insgesamt geben bei Befragungen nur 20 bis 30 Prozent an, im Fall einer Trisomie 21 die Schwangerschaft beenden zu wollen. Unter Frauen mit einem hohen Risiko für Trisomie 21, aber ohne Diagnose, geben 45 bis 85 Prozent an, die Schwangerschaft im Fall des Falles beenden zu wollen. Nach einer Diagnose auf Trisomie 21 beendeten 89 bis 97 der Frauen die Schwangerschaft (Choi et al. 2012).

Dennoch: Damit das Argument schlüssig ist und somit als echter Einwand gegen die Annahme „mehr Informationen = bessere Entscheidung“ gelten kann, muss auch die dritte Prämisse zutreffen:

(3) Wäre ihr bewusst, wie ein Test die Grundlage einer späteren Entscheidung verändert, würde sie sich womöglich gegen den Test (das Screening) entscheiden.

Wir haben bislang nichts gefunden, was diese Prämisse entweder erhärten oder entkräften würde.

 Schnappschuss 8

 

Weiter geht’s in Teil 3 des Faktencheck Praenatest mit den Thesen

  • „Heute bereits praktizierte Untersuchungsmethoden erfüllen in vielerlei Hinsicht nicht wünschbare und plausible Standards. Deshalb sollten sie nicht als Messlatte dienen“
  • „Die zukünftige Entwicklung des Praena-Tests macht Fehlentwicklungen wahrscheinlich“

und der Zusammenfassung des Gesamt-Argumentes.

Wenn Sie möchten, können Sie sich noch von unserem Argument-Browser noch einmal durch die bisherig Argumentation führen lassen und die einzelnen Stationen bewerten und kommentieren.

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(Zum Öffnen des Argument Browsers in separatem Fenster hier klicken.)

Resultate der Leserbefragung werden in Kürze hier veröffentlicht.

Links und Literatur auf Extra-Seite

 

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Der „Faktencheck Praena-Test“ wird gefördert durch die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de.

Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

 

Der “Faktencheck Praenatest” wird unterstützt von:

  • BARMER GEK
  • Petra Blankenstein (Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik)
  • Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB)
  • Prof. Dr. med. P. Kozlowski, praenatal.de
  • Dr. Oliver Kreuzer
  • Eva-Maria Schnurr
  • Irene Stratenwerth



Faktencheck Praena-Test (1): Forts.

20130430_praena_nurhundText: Ralf Grötker. Mitarbeit: Susanne Donner; Irene Meichsner

Dieser Beitrag erscheint parallel auch auf den Seiten unserer Medienpartner faz.net, freitag.de und telepolis .

Seit vergangenem August ist der „PraenaTest“ in Deutschland auf dem Markt: Ein Blut-Gentest, mit dem sich mit hoher Wahrscheinlichkeit diagnostizieren lässt, ob bei einem Fetus die Chromosomen-Anomalie Trisomie 21 vorliegt. Wir führen einen Faktencheck zu den Fragen durch, die insbesondere durch die weitere technologische Entwicklung des Tests aufgeworfen werden. dabei nehmen wir insbesondere die vor kurzem erschienene Stellungnahme des Ethikrates unter die Lupe. In diesem Update präsentieren wir das Leser-Feedback, das wir als Reaktion auf den ersten  Teil des Faktenchecks Praena-Test erhalten haben. Das Thema: Sollte der Praena-Test künftig eine Kassenleistung sein – und damit öffentlich finanziert werden?

Wir hatten letztes Mal ein Experiment gewagt: Ein Argument-Browser führte durch die einzelnen Punkte der Debatte. Leser konnten selbst entscheiden, wie tief sie an den einzelnen Punkten einsteigen wollten.

Dies war der Ablauf: Wir sind zunächst die einzelnen Argumente durchgegangen, die, für sich genommen, für und gegen eine Aufnahme des bereits auf dem Markt befindlichen Trisomie-21-Bluttests in das Leistunsspektrum der Kassen sprechen. Ganz zum Abschluss stellten wir die Frage der Abwägung: Wie sind die Argumente für und wider in der Zusammenschau zu gewichten?

Hier der Fragenparcours im Überblick (Bild klicken für größere Ansicht):

Entscheidungsverlauf als Flussdiagramm

 

Heute präsentieren wir die Antworten und Kommentare, welche Leser bei der Navigation durch die Argument-Struktur hinterlassen haben.

Ein erstes Resultat: Die Anzahl (und auch die Qualität) der Kommentare, die wir auf diesem Wege erhalten haben, liegen deutlich über der Ausbeute der meisten bisherigen Faktenchecks. Auf der anderen Seite haben jedoch insgesamt nur sehr wenige Leser das Angebot des Argument-Browsers wahrgenommen. Wir deshalb unten noch einmal den vollen Umfang des im Argument Browsers präsentierten Textes wieder. Was die Kommentare betrifft, so haben wir lediglich diejenigen Anmerkungen ausgewählt, die sich mit der jeweils zur Frage stehenden These befassen oder die auf das Framing der These Bezug nehmen.

An einigen Stellen gab es im Argument Browser die Option, Thesen zu bewerten (immer auch mit der Möglichkeit, auf eine Bewertung zu verzichten). Wir geben die Resultate dieser Bewertungen wieder, möchten jedoch betonen, dass es sich hier um keine repräsentative Meinungsumfrage handelt.

Ein inhaltliches Versäumnis: Wir hatten beim letzten Mal übersehen, dass die Forderung nach einer Finanzierung des Tests (und, mehr noch, nach einer breiten Einführung)  durch die Kassen sehr wohl bereits erhoben wurde – und zwar von pro familia NRW. In einer Stellungnahme vom vergangenen Jahr fordert pro familia:

„1. Freier Zugang zum Bluttest
Da der PraenaTest® und die Ende des Jahres folgenden Tests auf T 18 und 13 das Risiko für eingriffsbedingte Fehlgeburten senkt und Frauen die Möglichkeit einer frühen selbstbestimmten Entscheidung ermöglicht, sollten die Tests auch für Menschen mit geringem Einkommen zugänglich sein.
2.Wahlmöglichkeit als Alternative zum Ersttrimesterscreening
Der PraenaTest® sollte in Deutschland auch alternativ zum Ersttrimesterscreening bereits in der 10.Schwangerschaftswoche nach Menstruation angeboten werden.“

Ein weiterer wesentlicher Punkt, der uns durch die Lappen gegangen ist: Der Praena-Test verspricht, die Anzahl der (für alle Betreffenden) traumatischen Spätabtreibungen bei der Diagnose von Trisomie 21 zu reduzieren. Ob er dieses Versprechen halten kann, ist eine andere Frage: Im Moment wird bei positivem Praena-Test-Befund ausdrücklich die Nachuntersuchung durch die Fruchtwasser-Untersuchung empfohlen. Diese kann allerdings erst einige Wochen nach dem Praena-Test durchgeführt werden – so dass sich die späte Abtreibung nicht vermeiden lässt (jedenfalls dann nicht, wenn der Praena-Test so wie empfohlen angewendet wird).

Aber nun zu den Lesermeinungen! Die nun folgende, aus dem Argument-Browser übernommene  Darstellung beginnt mit einem längeren Abschnitt, der die technologische Vorgeschichte des Praena-Tests resümiert:

Zellfreie fetale DNA – eine Erfolgsstory

Die Erfolgsgeschichte der neuen nichtinvasiven pränatalen Diagnostik begann 1997. Damals gelang es einer Forschergruppe um den Biochemiker Dennis Lo von der Chinesischen Universität in Hong Kong und seinen Kollegen, im mütterlichen Blut sogenannte zellfreie fetale DNA aufzuspüren. (….)

Der Absatz schließt mit einem Passus, der die Dringlicheit der Frage danach unterstreichen soll, ob der Praena-Test kassenfinanziert (und infolge dessen möglicherweise zu einer Standard-Untersuchung) werden soll:

Bei der 17. Internationalen Konferenz für pränatale Diagnose und Therapie, die Anfang Juni 2013 in Lissabon stattfindet, werden chinesische Forscher die Ergebnisse einer klinischen Studie an mehr als 50.000 (sic!) Schwangerschaften präsentieren. Bei dem Kongress spielen die Tests mit zellfreier fetaler DNA eine zentrale Rolle. Auf dem Kongress wird es auch eine von Diana Bianchi geleitete Session geben, die sich mit der Ausweitung des Indikationsrahmens des Praena-Tests befasst: Controversies in Prenatal Diagnosis 1: Should NIPT for Down syndrome be the standard screening test for all women? Sollte Non-Invasive Prenatal Testing auf Down Syndrom standardmäßig allen Schwangeren zur Verfügung gestellt werden? Wenn ja, was folgt daraus? Oder umgekehrt: Wenn der Test sich als Standard empfiehlt, müssen dann die Kassen dafür zahlen?

Lesermeinungen: Einige Kommentatoren bringen hier bereits ihre persönliche Meinung dazu zum Ausdruck, ob der der Test kassenfinanziert werden soll. Ein Kommtar rügt:  „“Erfolgsgeschichte“ und „weitere Studien (…) erhöhen den Druck“ sind tendentiöse Formulierungen.“

Fairness und subjektiver Nutzen

Welchen Nutzen hat der Test aus Perspektive derjenigen, die ihn anwenden? Ein Beispiel aus einem Online-Forum auf eltern.de:

Guten Abend zusammen, ansonsten lese ich nur still mit, doch heute brauche ich einen Rat… Ich (34) bin mit unserem dritten Kind schwanger, 21. SSW., ein Mädchen. In der 13. SSW ließ ich eine Nackenfaltenmessung durchführen. Der Ultraschall zeigte eine Dicke von 1 cm, die Blutuntersuchung ergab ein Risiko für T21 von 1:17.000, T18/13 von 1:40.000 Die bisherigen Ultraschalluntersuchungen bei meinem Frauenarzt waren immer unauffällig. Gestern war ich dann beim Feindiagnostikultraschall und die Ärzte in dieser Praxis haben zwei Plexuszysten (links und recht jeweils eine) gefunden. Der eine Arzt verwies noch auf eine Flüssigkeitsansammlung in der Cysterna irgendwas (…) Diese zwei Softmarker für eine T18 würden lt. dem Arzt eine Fruchtwasseruntersuchung rechtfertigen. Der FD-Ultraschall zeigte eine normale, sich öffnende und schließende Hand, unauffällige Füße, unauffälliges Herz, ein Nasenbein und das Kind ist altersgerecht groß… Nun habe ich große Angst durch eine FWU [Fruchtwasseruntersuchung, Red.] vielleicht ein gesundes Mädchen zu verlieren. Besonders weil ich so froh bin es bis hier geschafft zu haben. Eine extreme Übelkeit hat mich seit der 5. SSW im Griff. Nun habe ich gelesen, dass der neue Praenatest auch auf eine T18 testet. Die Wartezeit von zwei Wochen würde ich eher Überstehen als die Angst bei einer FWU… Ich will aber auf jeden Fall wissen ob mein Mädchen an der T18 leidet oder nicht. Was soll ich tun? Tausend Dank für euren Rat!!!! osibir

Der Nutzen des Tests wird klar beschrieben. Es geht um die Angst, das Kind zu verlieren. Gleichzeitig: „Wissen wollen“. Und darum, den Zustand der Ungewissheit möglichst rasch zu beenden. Die Frage ist: Sollte es von den finanziellen Ressourcen abhängen, ob jemand wie „osibir“ den Praenat-Test plus Beratung (1.300 EUR) durchführen lassen kann? Ist es fair, wenn Schwangere mit entsprechenden Mitteln zum nicht-invasiven Praena-Test greifen können, während andere Schwangere mit kleinerem Geldbeutel sich mit der riskanteren Fruchtwasseruntersuchung bescheiden müssen? (Hintergrund: Die ungleich riskantere, aber keineswegs günstigere Fruchtwasseruntersuchung ist eine Kassenleistung.)

Und wenn „osibir“ die Fruchtwasseruntersuchung nicht durchführt: Ist es fair, wenn sie den Rest der Schwangerschaft in ständiger Sorge leben muss, während andere Frauen, die sich den Praena-Test leisten können, sich Sicherheit verschaffen können? (Hintergrund: In den meisten Fällen ergibt der Praena-Test, dass kein Fall von Trisomie 21 vorliegt. Anderseits ist zu bedenken: Bei Schwangerschaften ist mit einem Basisrisiko für Behinderungen und Fehlbildungen zu rechnen, das unterschiedlich beziffert wird, mit einigen Prozentpunkten jedoch deutlich höher liegt als allein das Risiko für Trisomie 21. Und: die meisten Behinderungen entstehen durch Unfälle während oder nach der Geburt!)

Wenn man allein den Aspekt „Fairness“ betrachtet (und anderen Überlegungen, denen wir im folgenden nachgehen werden, für den Moment beiseite stellt): Sollte der Praena-Test aus Gründen der Fairness eine Kassenleistung sein?

20130508_fairnessKommentare:

Das Recht auf „gute Hoffnung“ wird mit allen routinemäßigen pränatalen Untersuchungen untergraben. Je mehr Untersuchungsmöglichkeiten wir schaffen, desto mehr wird nach Abweichendem gefahndet. Es ist zu kritisieren, dass jede Schwangere Feindiagnostik machen lassen kann. Wo viel gesucht wird, wird immer irgendwas Kritisches gefunden. Mit der Angst der Schwangeren werden Geschäfte gemacht.

es ist letzlich nur eine risikoärmere Methode

Aus Gründen der „Fairness“ müsste der Praena-Test so wie die Fruchtwasseruntersuchung eine Kassenleistung sein. Allerdings sollte bedacht werden, dass dieser Test (da er ja ohne risiko für die schwangere ist) von jeder schwangeren in Anspruch genommen werden möchte..

Grundsätzliche Kritik an der Selektion ungeborener Kinder ist hier überhaupt kein Argument?!

Klar sollte aber sein, ob die Schwangere bei einer positiven testung einen Schwangerschaftsabbruch machen würde. Ansonsten kann man sich den Test sparen

Bedenklich ist es, die Frage mit einer Einzelfallschilderung einzuleiten

T18 wird vom Praenatest nicht erfasst [Anm. d. Red.: Der Praena-Test der neueren Generation erfasst die Trisomien 21, 18 und 13]

Nicht ja / nein, sondern Anteil nach Einkommen, wie Kassenbeitrag auch

Nur wenn es gleich der FWU behandelt wird, i.e. eine Indikation vorliegt.

Fairness gegenüber dem Kind oder der Frau oder beiden? Definitiv sollte kein Kind sterben müssen, weil die Mutter sich aus finanziellen Gründen für die Kassenleistung entscheidet. Da ist es immer noch fairer, wenn der Geldbeutel über das „ob“ bezüglich eines Praena-Tests generell entscheidet.

Bei einer Trisomie 18 sind mehr als die geschilderte Auffälligkeiten zu erwarten. Schlecht beraten.

dieser Punk sollte eindeutig sein. Sobald die Untersuchung zulässig ist muss die Methode mit dem geringsten Risiko angewendet werden.

Kassenleistung, wenn erhöhtes Risiko für Trisomie 21 (erblichbedingt, Auffälligkeiten in der Ulraschalluntersuchung oder sonstiges) vorliegt

ist es fair, evtl. ein Kind zu töten?

Fairness im o.a. Sinne bedeutet Gleichbehandlung. Es hat nichts mit Fairness zu tun, jemanden mit Wissen auszustatten, der ihn in eine angreifbare Situation (hinsichtlich des gesellschaftlichen Drucks, „unproduktives und teures“ Leben auf jeden Fall zu verhindern) zu führen. Auch, wer die nötigen Mittel selbst aufbringen kann, ist diesbezüglich in keiner besseren Position. Da ist einige Monate Ungewissheit durchaus zu ertragen.

… die Kosten für den Test müssten dann aber sinken!

Der Arzt/Ärztin hätte osibir zu diesem Zeitpubnkt schon Informationen über Trisomie 18 geben sollen, Spontanabort etc. von Trisomie 18

Der verwaltungsrechtliche Rahmen

Wir greifen das Thema einer Finanzierung des T21-Bluttests durch die gesetzliche Krankenkasse zunächst vor allem deshalb auf, weil sich dahinter – ebenso wie hinter dem Thema der Forschungsförderung für den Praena-Test – die Frage verbirgt, ob es ethisch betrachtet legitim ist, wenn sich die öffentliche Hand an der Verbreitung dieses und ähnlicher Testverfahren beteiligt. Vor allem ethisch motiviert nämlich sind auch die Vorbehalte, die gegen eine Kassen-Finanzierung des Praena-Tests bislang geltend gemacht wurden. Ganz außer Acht gelassen haben wir deshalb die Frage, ob in formaler Hinsicht die erfolgte Zuerkennung von Forschungsförderung möglicherweise problematisch war. Wenig auseinandergesetzt haben wir uns damit, was spricht dafür und was dagegen spricht, dass der Praena-Test überhaupt als Medizinprodukt im Rahmen der Arzneimittelversorgung als verordnungsfähig anerkannt wird.

Wie stünden gegenwärtig die Chancen um Anerkennung? Ist ein entsprechender Antrag vielleicht bereits gestellt oder gar eine Klage eingereicht worden? Weiß jemand aus den Reihen der LeserInnen Näheres?

(keine Leserhinweise zu dieser Frage)

Praena-Test rettet Leben

Viele Schwangere entscheiden sich für eine Fruchtwasseruntersuchung, um nach einer Voruntersuchung abzuklären, ob das Ungeborene Trisomie 21 aufweist. Damit verbunden ist ein Fehlgeburtsrisiko. Der Praena-Test birgt kein solches Risiko. Viele Fehlgeburten könnten verhindert werden, wenn Schwangere sich entscheiden würden, vor einer Fruchtwasseruntersuchungen einen Praena-Test durchzuführen. Hier sind die Zahlen: Bei der öffentlichen Anhörung, die im Vorfeld der Stellungnahme des Ethikrats stattfand, schätzte Prof. Dr. Karsten Held vom Zentrum für Humangenetik in Hamburg, der als externer Sachverständiger eingeladen worden war, die Anzahl der jährlich in Deutschland vorgenommenen Fruchtwasseruntersuchungen auf 30.000. Wenn man von einem Fehlgeburtsrisiko von 1 Prozent ausgeht (bei Fachärzten mit viel Erfahrung scheint dieses Risiko deutlich niedriger zu sein!), kommt man auf immerhin noch 300 Fehlgeburten, die mit dem Praena-Test verhindert werden könnten.

zahlenbetrachtung

Hier die Kommentare, die sich darauf beziehen, ob die beschriebene Verminderung von Fehlgeburten für sich betrachtet ein überzeugendes Argument ist (ungeachtet anderer Argumente für oder wider den Test, die stärkeres Gewicht habe mögen):

1 % Fehlgeburtsrate bei im Ultrraschall unauffälligen Kindern ist zu hoch – richtig sind 0,3-0,5 % also 150 Fehlgeburten

Da 90% derer, die einen neg Befund bekommen, sich für den Tos des heranwachsenden Kindes entscheiden, darf man hier nicht von Methoden zur Rettung von Leben sprechen!

Es werden hier gar nicht die Behinderungen erwähnt, die erst durch Fruchtwasseruntersuchungen verursacht wurde

Es fehlt eine noch hypothetische Gegenrechnung: der Pränatest ist ein Screening, das natürlich auch nicht 100%ig sicher ist. Zweifelhafte Ergebnisse müssen invasiv kontrolliert werden (z. B. wenn der Anteil fetaler DNA im mütterlichen Blut unterrepräsentiert ist). Wie viele falsch positive und uninterprätierbare Pränatestergebnisse es geben wird, ist noch nicht klar

Praena-Test rettet Leben: Stimmt die Rechnung?

Stimmt die Rechnung? Ein Beispiel. Wenn man wie viele Experten davon ausgeht, dass das Risiko, ein Kind mit Trisomie 21 zu gebären, für eine 35jährige bei 1:350 liegt (2,9 Fälle auf 1.000 Geburten), dann haben von den 30.000 Frauen, die sich einer Fruchtwasseruntersuchung unterziehen, 87 ein Ungeborenes mit Down-Syndrom, das durch den Test auf aufgespürt wird. Damit diese 87 diagnostiziert werden können, erleiden 300 von den 30.000 Föten eine Fehlgeburt. Jetzt kommt der Praena-Test zum Einsatz. Einmal angenommen, alle 30.000 Frauen würden sich, bevor sie eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen lassen, einem Praena-Test unterziehen. Wenn man davon ausgeht, dass 0,8 Prozent der Trisomien vom Test nicht erkannt werden (das ist die Zahl der bislang größten Studie, die auch Vertreterin der Firma Life-Codexx bei der Anhörung des Ethikrates nannte), dann wird von den 87 Ungeborenen mit Trisomie 21 allenfalls 1 einziges nicht erkannt.

Eine von 1.400 Frauen erhält – soweit die Erkenntnis aus bisherigen Studien – aber auch einen Befund auf Trisomie 21, obwohl das Kind gar keine Chromosomenstörung hat. Von den hier in Anschlag gebrachten 30.000 Frauen würden damit über 20 Frauen ein falsch positives Ergebnis erhalten. Sie erhalten vermutlich die – falsche – Dagnose, dass Ihr Kind mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Down-Syndrom habe. Diese Rechnung ist irreführend, wie folgende Klarstellung zeigt. Insgesamt 107 mal schlägt der Test Alarm. In 82 Prozent dieser Fälle liegt wirklich eine Trisomie 21 vor! (Das klingt schon weniger überzeugend… )

Die Frage ist: Wird die Frau, die zu Beginn der 12. Schwangerschaftswoche die via Praena-Test gesicherte Diagnose auf Trisomie 21 erhält, noch einen weiteren Monat warten, um dann die erst dann mögliche Fruchtwasseruntersuchung durchführen zu lassen? Ärzte raten dazu. Aber: Welche Frau geht wirklich einen weiteren Monat mit einem Kind schwanger, dessen Abtreibung für sie mehr oder weniger beschlossene Sache ist? Wir wissen es nicht! Hinweise dazu sind willkommen. (Einen tragischen Fall hat es bereits gegeben, wo allein aufgrund eines Praena-Test eine Abtreibung vorgenommen wurde, sich hinterher aber herausstellte, dass das Kind keine Chromosomenanomalie hatte. Dokumentiert im Wall Street Journal.

Wenn man, nur um die Rechnung zu Ende zu führen, einmal davon ausgeht, dass von den 107 Frauen sich 70 für eine Abtreibung ohne weitere Klärung entscheiden (eine völlig beliebig getroffene Annahme!), dann wären immer noch 12 oder 13 Kinder, die (trotz anders lautendem Praena-Test Befund) keine Chromosomenstörung haben, zu Schaden gekommen. Im Vergleich: Bei der Fruchtwasseruntersuchung waren es 300 – eine Zahl, die sich aber vermutlich auf 90 reduzieren ließe, wenn die Fruchtwasseruntersuchungen allesamt nur noch von in der Sache erfahrenen Spezialisten durchgeführt würden. Gesamtbilanz: Selbst wenn die Fruchtwasseruntersuchung verbessert würde, ließen sich mit Hilfe des Praena-Test jährlich die Leben von 77 Ungeborenen retten. Dies aber vor dem Hintergrund, dass wir momentan bereitwillig 300 eben dieser Ungeborenen opfern, um 87 Kinder mit Down-Syndrom. aufzuspüren.

Kommentare:

wie menschenverachtend ist denn diese Rechnung? Kinder mit Down-Syndrom sind auch ungeborene. Warum ist es für Frauen „beschlossene Sache“, diese !aufgespürten Kinder“ abzutreiben?

Zu Schaden gekommen heißt im Klartext: tot!!

Anstatt zu rechnen: geht es nicht um die ethische Frage, warum ein Kind mit Trisomie überhaupt „aufgespürt“ und der Selektion ausgeliefert werden muss? Vergleiche von Fehlgeburten versus Abtreibungen o.ä ist unmoralisch

Die Argumentation ist grundlegend menschenverachtend und die Zahlenspielereien damit völlig überflüssig. Die Grundfrage ist vielmehr, ob die Diagnose einer Trisomie 21 überhaupt ein ausreichender Grund für einen Schwangerschaftsabbruch darstellt. Angenommen, eine Frau wünscht sich ein Kind und zieht prinzipiell keinen Schwangerschaftabbruch in Betracht, entscheidet sich aber nach einer Trisomie 21-Diagnose für einen Schwangerschaftsabbruch, so diskriminiert sie ein lebensfähiges und entwicklungsfähiges Kind auf Grund einer Behinderung in seinem Recht auf Leben. Diese menschenverachtende Diskriminirungspraxis wird in obiger Argumentation noch weiter auf die Spitze getrieben: Dort wird der Abbruch einer Schwangerschaft als tragisch beschrieben, weil das Kind in Wirklichkeit nicht behindert war – was im Umkehrschluss bedeuten würde, dass derselbe Schwangerschaftsabbruch weniger tragisch gewesen wäre, wenn es sich um ein Kind mit Down-Syndrom gehandelt hätte. Dies ist im Hinblick auf die Menschenwürde von Menschen mit Down-Syndrom mehr als erschreckend, da die Tötung eines lebens- und entwicklungsfähigen Menschen durch solche Argumentationen legitimiert wird.

Direkte Diskriminierung

Wir befassen uns nun mit den Argumenten, die öffentlich dagegen vorgebracht wurden, dass der Praena-Test zur Kassenleistung wird. Hier geht es vor allem um den Einwand, dass das Screening-Verfahren zu einer Diskriminierung von Behinderten beziehungsweise von Menschen mit Trisomie 21 führen würde.

Das Grundargument wird ausführlich dargelegt in dem Gutachten (Gärditz 2012) des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, das im Vorjahr die Markteinführung des Praena-Tests für illegal erklärte. Der Gedankengang ist wie folgt:

Wenn der Praena-Tests in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkasse übernommen würde, dann hätte dies Effekte, die mittelbar zu einer Diskriminierung, das heißt einer ungerechtfertigten Benachteiligung, von Behinderten beziehungsweise von Menschen mit Trisomie 21 führen würden. Die Diskriminierung möge von dem einzelnen Nutzer des Praena-Tests nicht beabsichtigt sein. Dennoch würde sie sich in der Summe einstellen, wenn viele Frauen den Test als Kassenleistung nutzen würden. Nun ist die kassenärztliche erbrachte Versorgung nicht die Erfüllung eines privaten Geschäfts, sondern eine staatlich organisierte Leistungsverwaltung. Insofern wäre die Diskriminierung, die aus der breiten Nutzung des Praena-Test als Kassenleistung folgen würde, dem Staat zuzuschreiben. Staatliches Handeln jedoch ist sowohl durch das Grundgesetz wie durch völkerrechtliche Konventionen daran gebunden, keine Diskriminierung von Behinderten auszuüben. Deshalb darf der Praena-Test keine Kassenleistung sein.

Was eine Finanzierung des Praena-Tests durch private Kassen betrifft, kommt ein weiteres Argument hinzu. Das Gutachten behauptet hier, dass die Aufnahme des Praena-Tests in den Leistungskatalog wegen der dadurch mittelbar bewirkten Diskriminierung Behinderter schlichtweg sittenwidrig sei und deshalb – egal von welchem Versicherer – nicht zulässig wäre. Das Argument der direkten Diskriminierung lässt sich durch vier Prämissen (Thesen) stützen (die alle zugleich wahr sein müssen, damit die in Frage stehende Behauptung (Konklusion) auch wahr ist). Ein etwas förmliches Verfahren – aber hilfreich, um auseinanderzudividieren, was auf dem Spiel steht. Hier sind die vier Prämissen samt Konklusion: (

  1. Der Praena-Test dient vorrangig dem Ziel, die Geburt von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie (T21) zu verhindern
  2. Ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie gehören zu der Gruppe „Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen“
  3. Alle Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen haben das Recht auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung.
  4. Ein Test, der vorrangig dem Ziel dient, die Geburt von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie zu verhindern, diskriminiert ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie Konklusion: Der Praena-Test verletzt das Recht von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung.

Kommentare:

Wurde die bisherige Kassenleistung Fruchtwasseruntersuchung unter dem gleichen Aspekt beleuchtet?

Mit dieser Argumentation müssen Schwangerschaftsabbrüche generell wieder unter Strafe gestellt werden.

Aber müsste nach dieser Logik nicht auch die Fruchtwasseruntersuchung eine Diskriminierung darstellen?

Das ist keine Diskriminierung,sondern eine Prävention. Es wird mehr Abtreibungen geben, das wird nicht von der Hand zu weisen sein, aber dafür werden die Eltern die es vorzeitig erfahren und das Kind behalten sich besser darauf vorbereiten können und den kranken Kind ein besseres Leben bescheren. Außerdem ist der Begriff „Diskriminierung“ sehr weitreichend und in der Gesellschaft nicht gut definiert, es gibt Dinge im Alltag, die normal angesehen werden, jedoch aber eine Diskriminierung sind, aber das würde hier zu weit führen.

Kassenleistung = staatliches Handeln?

Den aufgeführten Argumenten gegenüber könnte man einwenden: Der Staat setzt lediglich den Rahmen, innerhalb dessen die Selbstverwaltung der Krankenkassen Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungen (dazu gehört auch die Zulassung bestimmter Medikamente oder Medizinprodukte) sind nicht selbst unmittelbar Entscheidungen des Staates. Sie werden getroffen von den Gremien, denen der Staat die Entscheidungsbefugnis überantwortet hat. Auch an das Handeln dieser Gremien kann an bestimmten Anforderungen gemessen werden.

Konkret könnte man hier zum Beispiel den Vorwurf (oder Verdacht) äußern, dass insbesondere die Vertreter der medizinischen Berufe Prinzipien der Neutralität nicht angemessen berücksichtigen, wenn sie Trisomie 21 de facto als durch Abtreibung zu therapierende Krankheit definieren – und diese auch noch „medizinisch“ begründen. Wir lassen die Diskussion, inwiefern kassenärztliche Leistungen zugleich staatliches Handeln sind, hier bei Seite und konzentrieren uns auf die Frage der Diskriminierung oder, besser, der direkten Diskriminierung (später wird noch ein Argument der „indirekten Diskriminierung“ hinzukommen).

Kommentar:

(…) Diese Argumentation ist zu flach und stellt konsequenterweise alle Vorsorge infrage. Wichtiger ist, dafür zu sorgen, dass Eltern frei entscheiden können und eben keine Angst vor Diskriminierung haben müssen, wenn sie sich trotzdem für das Kind entscheiden. Hier muss man ansetzen und die Akzeptanz kommunizieren.

Direkte Diskriminierung (1): Was ist das Ziel des Tests?

(1) Der Praena-Test dient vorrangig dem Ziel, die Geburt von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie (T21) zu verhindern

Schwer zu sagen: Was „das Ziel“ des Tests ist. Unterschiedliche Akteure verfolgen damit unterschiedliche Interessen. Das Unternehmen LifeCodexx will den Test vor allem verkaufen und damit Gewinne erzielen. Ein Gesundheitsökonom könnte behaupten: Der Praena-Test bietet eine Alternative für Frauen, die ansonsten eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen würden – und dabei ein nicht zu vernachlässigendes Risiko.  Insofern sollte man lieber sagen: Ziel des Praena-Tests ist es, das Leben von Ungeborenen zu retten, die ansonsten durch Fehlgeburten in Folge von Fruchtwasseruntersuchungen sterben müssten.

Ärzte bieten den Test aus unterschiedlichen Gründen an – so wie ihn Frauen aus unterschiedlichen Gründen nutzen. Hier ohne weiteren Kommentar des niedergelassenen Gynäkologen Dr. Walter Brinker, Remscheid , auf Liliput-Lounge.de:

„Er ist nur eine weitere Form der pränatalen Diagnostik, die einerseits der Beruhigung der Eltern dient und andererseits oft den Kindern hilft. So können heute Kinder mit Herzauffälligkeiten schon im Mutterleib behandelt werden und auch viele andere Maßnahmen ergriffen werden, damit es dem ungeborenen Kind und seiner Mutter gut geht. Diese Untersuchungen können Leben retten.“

Zur Erinnerung: Je nach Studie kommt es bei bis zu 90 Prozent oder mehr der positiven Testergebnisse zu einer Abtreibung.

direktediskriminierung1

Kommentare zum obigen Zitat und zur Frage, ob das „Ziel“ des Praena-Tests die Verhinderung der Geburt von Kindern mit Trisomie 21 ist:

Die Argumentation des Arztes im Zitat ist schon perfide. Der Test wird verharmlost. Es wird so getan, dass mehr Test mehr Beruhigung brächten, genau das Gegenteil ist aber der Fall. Je mehr Tests durchgeführt werden, desto mehr Abweichendes kann entdeckt werden, das wieder beunruhigt. Hebammen können davon intensiv berichten. Das Argument der Behandlungsmöglichkeiten im Mutterleib ist ein Scheinargument. Es wird nicht gesagt, dass die einzige „Behandlung“ die Abtreibung ist. „Leben retten“ ist das Gegenteil von Selektion mit dem Ziel der Abtreibung. Es fehlt an neutraler Beratung VOR solchen Tests. Diese sollte verpflichtend sein.

Möglicherweise wird sich die Mehrheit der Eltern gegen eine Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden. Aufgabe der Gesellschaft muss es sein, die Eltern zu begleiten und zu stützen, die sich für das Kind entscheiden. Die Realität ist einen andere, sobald das behinderte Kind geboren ist, kämpfen die Eltern im Sozialrecht um jeden Nachteilsausgleich, trotz (oder wegen?) 12 Sozialgesetzbücher

Dieser Test dient überhaupt nicht dazu um Kindern mit Herzauffälligkeiten (wie es oft bei T21-Kindern vorkommt) zu helfen. Bei Befund ist das Kind ja noch zu klein um etwas für seine Gesundheit machen zu können…

Die gleiche Fragestellung bewegt auch die meisten Schwangeren, die eine invasive Diagnostik in Anspruch nehmen. Ich halte das aber nicht für gesellschaftlich verurteilenswert, sondern respektiere die individuelle Entscheidung der Eltern.

Waere eine Fruchtwasseruntersuchung dann auch Diskriminierung? Die gibt es doch schon.

Direkte Diskriminierung (2): Sind Embryonen Menschen?

(2) Ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie gehören zu der Gruppe „Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen“

Eine große Diskussion: Sind Embryonen Menschen? Sind Föten Menschen? Welche Rechte haben sie? Wie sind deren Rechte im Konflikt mit Rechten von bereits lebenden Menschen zu gewichten? All dies kann man sowohl juristisch wie auch ethisch diskutieren. Was die juristische Betrachtung betrifft: Das Bundesverfassungsgericht hat festgelegt (39,1 (41), dass überall dort, wo menschliches Leben ist, diesem auch die im Grundgesetz beschriebene Menschenwürde zukommt. Wir stellen die ethische Frage nach den Rechten und der Menschenwürde von Embryonen und Föten an dieser Stelle zurück und konzentrieren uns auf die übrige Argumentation.

Detail: Interview

Doris Breuner (Name geändert), 37, kinderlos

Welchen Bezug hatten Sie als Schwangere zu Ihrem Kind im Mutterleib?

„Zu Beginn habe ich die Schwangerschaft nicht bemerkt, aber als ich die körperliche Veränderung spürte und schließlich die Ärztin die Schwangerschaft bestätigte, habe ich begonnen, mich als Mutter zu fühlen und mich mit meinem wachsenden Kind zu befassen. Ich baute eine Beziehung zu meinem Kind auf.“

Wie ist Ihre Schwangerschaft verlaufen? „

Aus sozialen Gründen habe ich damals die Schwangerschaft in der neunten Woche abgebrochen. Diese Entscheidung ist mir sehr, sehr schwer gefallen und ich habe lange mit mir gerungen. Aber mein damaliger Freund und ich hatten uns nach vier Jahren getrennt, als ich von der Schwangerschaft erfuhr. Ich war Studentin und fühlte mich einem Kind weder finanziell noch emotional gewachsen. Aber ich möchte nicht noch einmal in ähnlicher Lebenslage vor dieser Entscheidung stehen.“

Einige sprechen von der Einnistung in die Gebärmutter an von schützenswertem Leben und dem Schutz des ungeborenen Kindes. Wie stehen Sie dazu?

„Es ist werdendes Leben und natürlich genießt es Schutz. Und trotzdem finde ich kann man ein walnussgroßes Geschöpf wie in meinem Fall, nicht mit einem geborenen Baby vergleichen. Mich gegen das Leben eines geborenen Babys zu entscheiden, brächte ich nicht fertig. Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

Einige sprechen dem Kind von Anbeginn an Menschenwürde zu. Wie sehen Sie das? I

„Ich weiß nicht, das ist sehr theoretisch für mich.“

Würden Sie ein Kind mit Downsyndrom abtreiben?

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich habe lange Zeit mit einem Mann mit Downsyndrom in einem Haus gelebt. Ich mochte ihn sehr gerne. Er malte sehr kreative Bilder. Aber er wurde mit über 40 Jahren rund um die Uhr von seiner Mutter betreut.“

Jana Ehrhardt, 39 Jahre, zwei Söhne

Einige sprechen von der Einnistung in die Gebärmutter an von schützenswertem Leben und dem Schutz des ungeborenen Kindes. Wie stehen Sie dazu?

„Wenn man das Kind bekommen möchte wie ich, empfindet man das, glaube ich, so. Man fühlt sich fast erhaben in der Schwangerschaft und unangreifbar. Man wartet sehnsüchtig auf die ersten Kindsbewegungen. Man beobachtet die körperlichen Veränderungen: Die Haut wird klarer, das Haar wird feiner, schon lange bevor sich der Bauch bildet.“

Wie verändert sich der Bezug zum Kind während der Schwangerschaft?

„Das mütterliche Gefühl wird immer stärker. Die emotionale Bindung zum Kind wird intensiver, vor allem, wenn es sich das erste Mal bewegt, was bei mir etwa im fünften Monat der Fall war. Ich möchte aber nicht in Anspruch nehmen, dass jede Frau so empfindet. Das ist sicher sehr individuell.“

Hat das Kind von Anbeginn an Menschenwürde?

„Ich weiß nicht, ob man das sagen kann, wenn ich an den Punkt auf dem Ultraschallbild denke, den man am Anfang sieht. Zu diesem Zeitpunkt war die Schwangerschaft für mich noch sehr abstrakt. Aber ich wusste von Anfang an, dass ich mein Kind nicht abtreiben würde. „

Würde sie ein Kind mit Behinderung gebären?

„Darüber kann man nicht theoretisch sprechen, glaube ich. Aber wenn man mir sagen würde: Sie werden ein Kind bekommen, dass Zeit seines Lebens auf Ihre Hilfe angewiesen ist und Sie nicht erkennen kann, dann würde ich mir das vielleicht nicht zutrauen. Ich finde das Recht der Frau auf Selbstbestimmung hat in einem solchen Fall Vorrang.“

(Die Fragen stellte Susanne Donner.)

Lesermeinungen:

20130508_direktedis2

Direkte Diskriminierung (3): Gegen Diskriminierung!

(3) Alle Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen haben das Recht auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung.

Ein Gemeinplatz: Juristisch behandelt im Grundgesetz (Menschenwürde) sowie, spezifischer, Art. 10 der UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Vorschlag: Wir akzeptieren Prämisse (3) und verzichten auf weitere Ausführungen.

Kommentare zur These (3) [ohne Kommentare, die sich auf die unter (2) diskutierte Frage beziehen, ob Föten im hier gemeinten Sinne „Menschen“ sind]:

Ich akzeptiere Prämisse (3) keineswegs. Meine Prämisse hieße eher „Alle Menschen haben das Recht auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung.“ Alles andere ist diskriminierend.

Direkte Diskriminierung (4): Gleiche Risiken für alle Ungeborenen?

4) Ein Test, der vorrangig dem Ziel dient, die Geburt von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie zu verhindern, diskriminiert ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie

Hier wird es argumentativ spannend: Wie können Ungeborene „diskriminiert“ werden? Eine Weise, dies begrifflich fassbar zu machen, ist diese:

Ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie sollen kein größeres Risiko haben, vor der Geburt zu Schaden zu kommen, als andere Kinder auch. Diese Formulierung – „Risiko, vor der Geburt zu Schaden zu kommen“ findet sich sowohl im Gutachten des Behindertenbeauftragten (Wortlaut: „Das Risiko des Ungeborenen, wegen einer Behinderung abgetrieben zu werden, erhöht sich…) als auch im Text der E-Petition gegen die Einführung des Praena-Tests, die vergangenes Jahr beim Deutschen Bundestag eingereicht wurde. (Dort heißt es: „Den Prozentsatz der Abtreibungen bei der Diagnose Down Syndrom treibt dieser Test nicht nach oben. Durch den Wegfall der Risiken, erhöht sich jedoch der Anteil derer, die sich für eine frühdiagnostische Untersuchung entscheiden. (Text aus der Online-Petition für ein Verbot des Praena-Tests vom 04.09.2012)

Stimmt, was hier unterm Strich nahe gelegt wird: Dass der Praena-Test dazu führt, dass mehr Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben werden? Man stelle sich vor, dass der Test auf breiter Basis eingeführt würde. Chitty et al. (2012) haben für eine Population von 500.000 Frauen, unter denen auf 360 Schwangere 1 Fall von Down-Syndrom kommt, eine Beispielrechnung aufgemacht. Danach werden, wenn der Test bei Frauen mit einem geschätzten Risiko von 1:150 eingesetzt wird, 85 Prozent der Fälle von Trisomie 21 erfasst. 1:150: Das entspricht ungefähr dem Risiko, welches einer 39jährigen Frau zugeschrieben wird. Und eine Entdeckungsrate von 85 Prozent, die bereits nicht-invasiven Verfahren wie dem Ersttrimester-Screening zugeschrieben wird.

Das heißt: Wird der Praena-Test innerhalb der genannten Population bei Frauen von einem Risiko von 1:150 verwendet, dann lassen sich innerhalb der Population ebenso viele Fälle von Trisomie 21 diagnostizieren, wie wenn alle Frauen ein Ersttrimester-Screening durchlaufen hätten. (Frage an die Leser: Kann man diese Rechnung wirklich so aufstellen?) Wird der Kreis der getesteten Frauen ausgeweitet auf jene, deren Risiko lediglich 1:2000 beträgt (eine Risiko-Kategorie, die man allein aufgrund jungen Alterns schon kaum mehr erreichen kann), dann steigt die Erfassungsrate auf 98 Prozent. Wenn man davon ausgeht, dass von diesen 98 Prozent sich nahezu alle für eine Abtreibung entscheiden, dann würde damit auch mehr Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben. Noch einmal zur Erinnerung: Eine solche Ausweitung würde jedoch bedeuten, dass der Praena-Test mehr oder weniger flächendeckend zum Einsatz kommt. Ein solcher Einsatz ist gegenwärtig nicht in der Diskussion. Er wäre problematisch auch deshalb, weil durch die Ausweitung des Tests auf Nicht-Risiko-Schwangerschaften die Anzahl der falsch-positiven Testfälle steigen würde – und mithin die Anzahl die von daraufhin vorgenommen Abtreibungen von Kindern ohne Chromosomenstörung vermutlich stark anwachsen würde.

Kommentare:

Hier fehlt die Antwortmöglichkeit Zustimmung oder Ablehnung!

Vielleicht sollte man auch mal diskutieren, ob es, vom rein biologischen Standpunkt betrachtet, gut ist, das die Anzahl der Erstgebärenden jenseits des 35. Lebensjahres ständig steigt. Der Test sollte, wie auch die pränatale Feindiagnostik, den Risikopatientinnen vorbehalten sein und keine Screeningmethode werden

Ja, m. E. stimmt es, dass durch den Praena-Test mehr Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben werden würden, da das Schwangerschaftsalter bei Ergebnisstellung extrem niedrig ist und somit die Muttergefühle vielleicht noch nicht stark genug sind, um ein solches Kind auszutragen. Bei einer Fruchtwasseruntersuchung ist das Schwangerschaftsalter bereits bei 13+0 SSW und das Ergebnis bekommt man erst ca. 8 bis 10 Tage später (http://www.praenatale-diagnostik.de/invasiv_az_main.htm). Manche Frauen entscheiden sich da bereits fürs Austragen des T21-Kindes, welches noch Wochen vorher einen Abbruch vorgenommen hätten

Hier werden Themen vermischt – und wenn man schon vermischt, sollte auch das Risiko eines falsch-positiven Ergebnisses berücksichtigt werden. Generell lautet die Frage jedoch NICHT „Sollte ein flächendeckendes Trisomie21-Screening bei allen Schwangeren durchgeführt werden?“, sondern „Soll die Krankenkasse bei Risikofällen, in denen sie eine Fruchtwasseruntersuchung übernommen hätte, die Kosten für einen Praena-Test übernehmen?“.

Die Abtreibung gesunder Kinder ist ein Skandal ansich: vom Staat finanzierte Tötung.

Ich erwarte ebenso, dass mehr Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben würden – aber in einem sehr frühen Stadium. Das stellt eine große psychische Entlastung für die Eltern dar im Vergleich zur späten FW-Untersuchung. Bedeutend ist hier auch die Beratung seitens der Mediziner: sie sollen die Eltern bei der Entscheidungsfindung zum Test auf die ethische Schwere ihrer Entscheidung bei einem Positiv-Ergebnis hinweisen.

Die Diskriminierung von nicht-autonom lebensfähigen Kindern im Mutterleib halte ich für ziemlich kopflastig.

Wenn auch nur eine Mutter sich auf Grundlage des Praena-Tests für eine Abtreibung entscheidet, die ohne diesen Test keinen Abbruch durchgeführt hätte, wird dadurch ein menschliches Wesen in seinem Recht auf Leben diskriminiert. Interessant ist hierbei zu beobachten, dass eine Fruchtwasseruntersuchung ethisch als nicht fragwürdig angesehen wird, obwohl auch diese bereits eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung darstellt. Dazu zwei mögliche Konstellationen: Fall A: Die Mutter würde unabhängig vom Ergebnis keinen Schwangerschaftsabbruch durchführen, will jedoch eine Fruchtwasseruntersuchung um „Sicherheit“ zu haben, wodurch 1% Fehlgeburten entstehen. Da Fruchtwasseruntersuchungen nur bei einem Verdacht/Risiko auf Trisomie 21 durchgeführt werden, sind solche Kinder bedeutend häufiger von einer fruchtwasseruntersuchungs-induzierten Fehlgeburt betroffen. Somit werden Ungeborene mit Trisomie 21 in ihrem Recht auf Leben diskrimiert, indem man die Informiertheit der Eltern über das Lebensrecht des Ungorenen stellt. Fall B: Die Mutter möchte nur im falle einer „Behinderung“ die Schwangerschaft abbrechen. Hier werden Menschen eindeutig auf Grund ihrer genetischen Eigenschaften diskriminiert. Die im seltensten Fall auf Informiertheit beruhenden Befürchtungen der Eltern werden dem Leben eines Menschen übergeordnet. Die Selbstvertsändlichkeit, mit der Behinderte vorgeburtlich selektiert werden, widerspricht jeglichem humanistischem Grundgedanken.

(…) Ich würde lieber das Risiko eingehen, ein gesundes Kind mit einem „false positive“ abzutreiben, als wissentlich ein Kind mit Behinderung zur Welt zu bringen.

Direkte Diskriminierung (1-4): Unterm Strich

Noch einmal das vollständige Argument im Überblick:

  1. Der Praena-Test dient vorrangig dem Ziel, die Geburt von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie (T21) zu verhindern
  2.   Ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie gehören zu der Gruppe „Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen“
  3. Alle Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen haben das Recht auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung.
  4. Ein Test, der vorrangig dem Ziel dient, die Geburt von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie zu verhindern, diskriminiert ungeborene Kinder mit einer bestimmten genetischen Anomalie

Konklusion: Der Praena-Test verletzt das Recht von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung.

Wenn Sie möchten, bewerten Sie abschließend, wie relevant Ihnen das Argument der direkten Diskriminierung, alles in allem betrachtet, erscheint.

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Indirekte Diskriminierung

Der Einwand der Diskriminierung lässt sich auch noch einmal auf andere Weise ausbuchstabieren. Ein neuer Anlauf. Wir nennen dies das „Argument der indirekten Diskriminierung“. Das Argument rekonstruiert die These „Der Praena-Test verletzt das Recht von Kindern mit einer bestimmten genetischen Anomalie auf umfassenden Schutz gegen Diskriminierung“ auf noch einmal andere Weise: So nämlich, dass nicht der Fötus zu Schaden kommt, sondern dass vielmehr Menschen geschädigt werden, die bereits ihr Leben mit einer Behinderung meistern.

Das Argument ist dieses: Der Test ermöglicht die Diagnose von Trisomie bereits zu einem frühen Stadium der Schwangerschaft. Die Bindung an das Kind ist in diesem frühen Zeitpunkt noch nicht so stark. Vergleichsweise leicht fällt die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch. Dies hat mittelbar zur Folge, dass durch das Normalwerden eines Schwangerschaftsabbruches im Falle einer Trisomie 21 auch gesellschaftliche Erwartungen, wenn nicht sogar gesellschaftlicher Druck entsteht, der die Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch begünstigt.

Und weiter: die Zulassung von Behinderung als Auswahlkriterium, welches Leben letztlich ‚erwünscht’ und ‚unerwünscht’ sein soll, stellt den diskriminierungsfreien Lebensschutz von Menschen in Fragen, die bereits mit einer Behinderung leben. Eine Sichtweise findet Verbreitung, nach welche genetische Anomalien und deren phänotypische Ausprägung nicht als Verschiedenheit, sondern ausschließlich als Defizite wahrgenommen werden. (Eine Anmerkung: Dafür, dass Behinderung als Auswahlkriterium Verwendung findet, wäre die öffentliche Hand, wenn sie den Praena-Test propagiert, *direkt* verantwortlich. Und: Indem die öffentliche Hand das Auswahlkriterium unterstützt, wird diesem ungleich größerer Nachdruck verliehen, als wenn lediglich Privatleute es bei ihrer Entscheidung zu Grunde legen.)

Was die empirischen Folgen betrifft, bewegen wir uns allerdings auf dem Gebiet von Vermutungen: Wir haben keine Studienergebnisse und kein Untersuchungsdesign gefunden, auf dessen Basis sich diese Frage systematisch beantworten ließe! Auf der anderen Seite haben wir aber Frauen, die ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt gebracht haben, interviewt.

Detail: Anne Kathrin Plate, 35 Jahre, Sohn Toni mit Downsyndrom, 8 Jahre

Was empfinden Sie, wenn Sie über den Praenatest lesen?

„Das berührt mich sehr stark. Ich finde, da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, weil es ja nur um Kinder mit Downsyndrom geht und der Test darauf abzielt, die Familien davon zu befreien. Natürlich wünscht sich niemand ein Kind mit Behinderung. Aber ich erlebe es als diskriminierend, wenn Kinder wie mein Sohn nicht auf die Welt kommen. Denn das stellt zugleich auch sein Lebensrecht in Frage. Das macht mich wütend.“

Fühlen Sie sich im Alltag wegen Ihres Sohnes manchmal diskriminiert?

„Es gibt manchmal unangenehme Blicke. Aber ich erlebe überwiegend sehr viel Positives mit meinem Kind. Die meisten Leute reagieren sehr offen. Nur einmal sprach eine Dame aus Kuba meinen Mann an und meinte, ob wir keinen Test gemacht hätten, weil „so etwas“ heute nicht mehr nötig sei. Mit „so etwas“ meinte sie unseren Sohn. Wenn ich daran denke, steigt bei mir Wut und Trauer auf.“

Kerstin Ellner, 44 Jahre, Tochter Mia mit Downsyndrom 4 Jahre

Wie geht es Ihnen, wenn Sie über den Praenatest lesen?

„Ich habe Bauchschmerzen. Ich versuche, die andere Seite zu verstehen, aber ein Kind mit Downsyndrom ist für mich kein Grund, das Kind wegmachen zu lassen. Ich fühle mich eigentlich dadurch diskriminiert und mein Kind noch mehr als ich, da seine Lebensberechtigung dadurch in Frage gestellt wird. Denn natürlich ist der Test nur dazu da, die Kinder mit Downsyndrom auszusortieren. Lediglich ein winziger Teil der Eltern entscheidet sich bewusst für ein solches Kind.“

Fühlen Sie sich im Alltag wegen Ihrer Tochter manchmal diskriminiert?

„Wir machen eigentlich nur gute Erfahrungen. Es gibt zwar manchmal Leute, die Mia anstarren, aber das versuche ich nicht persönlich zu nehmen.“

Kann der Praenatest die gesellschaftliche Akzeptanz für Menschen mit Downsyndrom verändern?

„Wenn die Krankenkassen die Kosten übernehmen, werden alle Schwangeren diesen Test machen. Dann sehe ich die große Gefahr, dass es keine oder kaum noch Menschen mit Downsydrom geboren werden. Das ist eine ungute Entwicklung. Allerdings haben wir auf der anderen Seite eine sehr rege Debatte über Inklusion und Integration, die mir Hoffnung macht.“

Aus der Online-Petition gegen die Zulassung des Praena-Tests im vergangenen Jahr (2012):

„Ich habe lange davor gescheut, diese Petition zu unterzeichnen – aus folgenden Gründen: Wie hier schon geschrieben wurde, ist sie angesichts anderer erlaubter Testverfahren vollkommen unsinnig. Ich bin sicher, dass diese Unterschriftenaktion keinerlei Folgen haben wird und der Test eingeführt wird. Die erste Zeit nach der Diagnose war sehr schwer für mich, und ich kann die Entscheidung werdender Mütter, ihr Kind mit DS abzutreiben, nachvollziehen. Gutheißen und begrüßen kann ich sie NICHT. Ich möchte aber auch keinem vorschreiben, was er zu tun und zu fühlen hat. Aus diesem Grund wollte ich die Petition zunächst nicht unterschreiben. Dann habe ich einige Kommentare hier gelesen, u.a. die von „Eulenmama“, die den Test „verpflichtend“ machen möchte. Diese Leute habe ich in meinem Bekannten- und Freundeskreis nicht. Aber offenbar laufen sie irgendwo rum. Sie sind diejenigen, die das Leben von Kindern und Erwachsenen mit DS und deren Familien zur Hölle machen. Sie sehen unsere Kinder als „unwert“ und uns Eltern als verantwortungslose Kreaturen an. Das soll man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich unterzeichne diese Petition als Zeichen dafür, dass es auch eine andere Meinung gibt. Und dass diese Sozialdarwinisten mal zur Hölle fahren sollen. Meine Tochter wird ein glücklicher Mensch sein. Und andere Menschen mit Downsyndrom auch.“

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Kommentare:

Danke den Müttern, die das Lebensrecht und -glück ihres Kindes nicht angetastet haben und sich so freuen können.

Unsensible Sozialdarwinisten in Vulgärformat sind sicherlich unappetitlich. Allerdings können die meisten Kinder mit Down Syndrom auch als Erwachsene nur dann und solange glückliche Menschen werden, wenn die Gesellschaft sich das leisten kann und sich andere rund um die Uhr um sie kümmern.

Sonderstellung des Praena-Tests

Ob durch den Praena-Test Menschen mit Behinderung diskriminiert werden, ist eine Frage. Eine andere Frage ist, ob die Diskriminierung durch den Test stärker ausfällt als jene Formen der Diskriminierung, die bereits durch etablierte Verfahren der vorgeburtlichen Diagnostik ausgeübt werden.

Ein (sowohl von Befürwortern wie von Kritikern des Tests!) häufig vertretenes Argument lautet: Es besteht im Wesentlichen kein Unterschied zwischen dem Praena-Test auf einen Seite und bereits etablierten Verfahren wie der Amniozentese oder dem Ultraschall. (Siehe Diagnose “Down-Syndrom“ Ein Todesurteil in der FAZ sowie das „Sondervotum 2“ der Ethikrat-Stellungnahme.)

Als Einwand gegen dieses Argument wird die Behauptung vorgebracht, dass der Praena-Test sich, im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung, dadurch auszeichnet, dass er ausschließlich zur Diagnose der Trisomie 21 durchgeführt wird:

Durch den Ultraschall kann man als Schwangere (+ Partner!) auch von außen ein bisschen an der Schwangerschaft teilhaben. Man möchte wissen, ob es dem werdenden Nachwuchs gut geht; muss evtl. bei bestehenden Risiken sein Verhalten als werdende Mutter umstellen (sich mehr schonen etc.); Kinder, die gegen Ende der Schwangerschaft nicht mehr richtig ernährt werden, würden sterben ohne Ultraschall, obwohl sie kerngesund sind usw. usw. Das gleichzusetzen mit einem Test, der einzig und allein dazu dienen soll, ein bestimmtes Syndrom bzw. das dazugehörende Menschenleben (!) zu verhindern, ist schlicht und einfach so was von falsch und führt andere Leute in die Irre!!
Kommentar zur E-Petition

Als Maßstab wird also das Leistungsspektrum des Tests ins Feld geführt. Wenn dies das hauptsächliche Unterscheidungskriterium darstellt, dann ist jedoch in der Tat zu erwarten, dass sich Praena-Test und andere Formen vorgeburtlicher Diagnostik schon sehr bald nicht mehr wesentlich voneinander unterscheiden werden. Denn: Mit Hilfe von nichtinvasiven vorgeburtlichen Blut-Gentests sollen sich in naher Zukunft auch das Risiko Schwangerschaftskomplikationen bestimmen lassen. Konkret geht es um die Präeklampsie. Die Präeklampsie ist eine Bluthochdruckerkrankung der Mutter während der Schwangerschaft. Sie gilt als eine der Haupt-Todesursachen von Mutter und ungeborenem Kind und tritt bei etwa zwei bis fünf Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland auf.

Ob der Praena-Test eine qualitativ andere Form von Diskriminierung darstellt, hängt also davon ab, inwiefern die Diagnosen auf Präeklampsie und andere Krankheiten künftig sozusagen gleich mitgeliefert werden – oder ob es dabei bleibt, dass Test als gezieltes Screening auf Trisomie 21 (und, seit kurzem neu im Repertoire des Praena-Tests, die Trisomien 13 und 18) angeboten wird. Sind darüber Details bekannt?

Ein anderer Unterschied zwischen dem Praena-Test und bisherigen Verfahren könnte darin bestehen, dass es mit Hilfe des Praena-Test möglich ist, bereits vor der 12. Woche eine Diagnose zu stellen. Wie bereits erläutert, könnte dies zur Folge haben, dass Frauen mit Diagnose auf ein Kind mit Down-Syndrom sich zu einer Abtreibung entscheiden, bevor sie – Wochen später – die in diesem Fall empfohlene Kontrolluntersuchung via Fruchtwasseruntersuchung durchführen lassen.

Kommentare:

In der Darstellung wird der Eindruck erweckt, dass die in 2-5% auftretende Präeklampsie auch in diesem Prozentsatz zu Todesfällen führt. Das ist falsch. Man kann doch nicht ernsthaft mehr Abtreibungen in Kauf nehmen, um das Risiko von Präeklampsie/Eklampsie zu minimieren. Dafür gibt es schließlich Vorsorgeuntersuchungen, die eine drohende Präempklampsie frühzeitig erkennen. http://www.aerzteblatt.de/archiv/44682/Schwangerschaftsspezifische-Lebererkrankungen Der letzte Absatz untermauert das Argument, dass immer mehr Untersuchungen auch immer mehr verunsichern. Das Wichtigste ist, die Hoffnung zu stärken und das Vertrauen der Mütter. Die Schwangerschaft auf Probe und ein Recht auf ein gesundes Kind werden immer weiter auf die Spitze getrieben.

Ultraschall zeigt auch sehr früh z.B. Herzfehlbildungen, dies führt auch vermehrt zu Schwangerschaftsabbrüchen (18.- 20. SSW) obwohl viele Herzfehlbildungen inzwischen gut operiert werden können. Das Argument der frühen Diagnosesstellung ist m.E. sehr überzeugend

spekulativ.

Diskriminierung ist ein natürlicher Prozess: wir entscheiden uns für oder gegen einen potentiellen Sexpartner, wir entscheiden wer Freund oder Feind ist, ich verstehe nicht wieso Diskriminierung ausschließlich negativ behaftet ist, wenn sie doch für alle Lebewesen von großer Bedeutung ist. Jedes Kind hat das Recht gesund auf die Welt gebracht zu werden, denn es kann doch für niemanden wünschenswert sein, mit einer Behinderung zu leben?!

Abschlussfrage

Hier noch einmal die Argumente im Überblick. Wenn Sie möchten, bewerten Sie Argumente auf einer Skala von 1 (wenig relevant) bis 5 (sehr relevant) und fällen Sie anschließend ein Urteil, wie Sie den Vorschlag des Praena-Tests durch die Krankenkassen alles in allem beurteilen. Noch einmal unsere Frage: Haben wir wesentliche Punkte übersehen?

Kommentare (zu „Punkte übersehen“):

Die Krankenkassen sollten untersuchen, welche Faktoren Vertrauen in die Schwangerschaft stärken und wie sich dies auf den Verlauf der Schwangerschaft und die Bindung auswirkt. Schwangerenvorsorge sollte in die Hände von Hebammen und weg von Ärzten, solange die Schwangeren gesund sind.

Praenatest nur zur Detektion von z.B. Trisomie 13 und 18 zulassen ähnlich wie die Sonderfallregularien für die PID

zu 1 <siehe unten>: ersetze ‚allen‘ durch ‚keinen‘, zu 5, da er so frühzeitig durchgeführt werden kann daß ein schwangerschaftsabbruch danach möglich ist, und da er durch sein geringes Risiko eine niedrige Schwelle zur Druchführung hat,

Einige der genannten Thesen sind sachlich falsch. Der Fragebogen ist methodisch schlecht aufgebaut, da völlig unterschiedliche Fragestellungen vermischt werden. Geht es um die Kostenübernahme durch die Krankenkassen? Dann wären andere Argumentationsketten, z.B. Betrachtung der Gesamtkosten einer Fruchtwasseruntersuchung im Vergleich zu einem Praena-Test, relevant gewesen!

[Anm. d. Red.:  (a) Die Thesen hatten wir zur Diskussion gestellt, ohne dabei zugleich behaupten zu wollen, dass wir sie auch vertreten. (b) Wir haben uns bewusst dazu entschieden, nicht die Kassenfinanzierung per se zu diskutieren, sondern die dahinterstehende Frage, ob eine Finanzierung des Tests mit öffentlichen Mittel legitim ist. Dies ist auch die Frage, auf welche die Stellungnahme des Ethikrates Bezug nimmt. Eine Bilanzierung der Gesamtkosten findet sich bei Chitty et al. 2013; Ergebnis: Wenn der Praena-Test flächendeckend angewendet würde und in der Folge dem entsprechend billiger wäre, dann würden die Gesamtkosten nicht über den Kosten liegen, welche derzeit für die Fruchtwasseruntersuchung aufgewendet werden. Ein weiterer Aspekt, der hier zu berücksichtigen wäre:Die Gesamtsumme, mit der jeder diagnostizierte Fall von Trisomie 21 die Gesellschaft zu stehen kommt. Rella und Radner (2012) kommen in einer Überschlagsrechnung auf dieses Ergebnis: „Daraus folgt: Mit dem für das Screening verbrauchten Geld könnte anstelle dessen jedem wegen einer T21 behinderten Menschen bei der Geburt ein Kapital von knapp 900.000 Euro ausbezahlt“ werden.]

Die Frage der Diskriminierung von allen Menschen, die heute nicht der Norm, bzw. dem Ideal entsprechen, ist für mich ein durchaus ernstzunehmendes gesellschaftliches Thema, das allerdings vielschichtig betrachtet werden sollte und bei dem die flächendeckende Finanzierung dieses Tests nur einen Aspekt darstellt.

Direktes Gegenüberstellen des Leistungsumpfanges zwischen Fruchtwasseruntersuchung und Praena-Test. Bzw. welche genetischen Indikatoren werden in einer Fruchtwasseruntersuchung ermittelt und welche nicht genetischen Indikatoren. Alles genetischen Indikatoren werden auf absehbare Zeit mittels Praena-Test nachweisbar sein. Sobald auf diesem Gebiet Gleichstand zwischen Fruchtwasseruntersuchung und Praena-Test herrscht, MUSS der Praena-Test aufgrund der geringeren Nebenwirkungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werde. Wobei die selben Vorraussetzung zur Anwendung gelten sollten wie zurzeit für eine Fruchtwaseruntersuchung.

Lesermeinungen (1=wenig relevant; 5=sehr relevant):

 

20130508_abschluss1

 

20130508_abschluss2b

Hier noch einmal in reduzierter Darstellung:

20130508_abschluss3

 

Wie gesagt: Es handelt sich hier nicht um Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Interessant sind deshalb hier nicht die Aussagen wie „X Prozent stimmen zu/lehnen ab“, sondern vielmehr die Begründungslinien, die sich in den Ergebnissen abzeichnen.Die zusammenfassten Zahlen erwecken den Eindruck, dass die Leser sich klar für eine Kassenfinanzierung aussprechen und die Argumente gegen eine Kassenfinanzierung entschieden zurückweisen. Der Blick in einzelne Bewertungen zeigt jedoch, dass Zustimmung und Ablehnung einer Kassenfinanzierung mit individuell sehr unterschiedlichen Stellungnahmen zu den Einzelthesen einhergehen.

Teilnehmer #322 zum Beispiel vergibt für Diskriminierungsargumente lediglich eine „2“, erkennt aber mit „3“ Punkten an, dass sich der Test von bisherigen Diagnoseverfahren unterscheidet – und stimmt einer Kassenfinanzierung nur mit „2“ zu, obwohl der die „rettet das Leben von Ungeborenen“ mit „3“ bewertet.

#318 bewertet mit „5“, dass aus Gründen der Fairness allen Frauen möglich sein sollte (und spricht sich mit „5“) für eine Kassenfinanzierung aus – räumt aber gleichfalls mit „5“ ein, dass die kassenfinanzierte Anwendung diskriminierend wirkt.

#314 wertet das Fairness-Argument mit „5“, vergibt eine „4“ an die These „Eine Übernahme des Praena-Tests durch die gesetzliche Krankenkasse würde bedeuten, dass der Staat den Praena-Test propagiert – und benotet den Vorschlag der Kassenfinanzierung mit „2“.

#310 bewertet sowohl das Fairness-Argument wie das Diskriminierungs-Argument mit „5“ – und stimmt zugleich mit „5“ dem Vorschlag der Kassenfinanzierung zu.

Das heißt: Einige Teilnehmer sprechen sich klar für eine Kassenfinanzierung aus und sehen den Sachverhalt der Diskriminierung nicht erfüllt. Andere Teilnehmer gewichten das Argument der Diskriminierung stark und lehnen eine Kassenfinanzierung ab. Dazwischen jedoch gibt es viele Teilnehmer, die zwar Diskriminierung als relevant erachten – dennoch aber einer Kassenfinanzierung zustimmen. Über die Gründe kann man hier nur spekulieren: Möglicherweise gewichten diese Teilnehmer, alles in allem betrachtet, die Gründe für eine Kassenfinanzierung stärker als die Diskrimierung. Die Diskriminierung wird erst gar nicht als Argument gegen die Kassenfinanzierung anerkannt (etwa, weil auch die Fruchtwasseruntersuchung bereits diskriminiert). All dies deutet darauf hin: Obwohl der Vorschlag der Kassenfinanzierung eine Durchschnittsbewertung von 3,8 (auf einer Skala von 1-5) erhalten hat, lässt das Meinungsspektrum insgesamt großen Spielraum für die Verhandlung von Positionen und Lösungsansätzen erkennen: Die ethische Motivation hinter der Forderung „Keine Kassenfinanzierung“ erfährt weitaus größere Anerkennung als diese Forderung selbst.

Die kompletten Daten sind für Leser, die selbst an der Umfrage im Argument-Browser teilgenommen haben, auf Anfrage erhältlich.

Links und Literatur auf Extra-Seite

 

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Der „Faktencheck Praena-Test“ wird finanziert durch die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de.

Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

 

Der “Faktencheck Praenatest” wird unterstützt von:




Faktencheck Praena-Test (1)

Text: Ralf Grötker. Mitarbeit: Irene Meichsner

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Der Beitrag erscheint parallel auf den Seiten unserer Medienpartner faz.net, freitag.de und telepolis.

Seit vergangenem August ist der „PraenaTest“ in Deutschland auf dem Markt: Ein Blut-Gentest, mit dem sich mit hoher Wahrscheinlichkeit diagnostizieren lässt, ob bei einem Fetus die Chromosomen-Anomalie Trisomie 21 vorliegt. Kritiker wie Befürworter des Tests sprachen bereits im vergangenen Jahr von einer „neuen Ära der Pränatalmedizin“. Nun zeichnet sich ab, dass mit Hilfe des gleichen Testverfahrens zunehmend auch andere Chromosomen-Abweichungen sowie Krankheiten erkennen lassen. Viele der bisherigen Vereinbarungen und gesetzlichen Regelungen zum Thema vorgeburtliche Untersuchung und Gendiagnostik stehen damit zur Disposition. Vergangenen Dienstag hat der Deutsche Ethikrat seine lange angekündigte „Die Zukunft der genetischen Diagnostik“ vorgestellt. Wir nehmen mit diesem Faktencheck die Stellungnahme des Ethikrates unter die Lupe und gehen den Vorschlägen nach, die in Hinblick auf den weiteren Umgang mit nicht-invasiven vorgeburtlichen Genscreenings im Raum stehen.

Ein paar Tropfen Blut

Keine Fruchtwasseruntersuchung. Ein paar Tropfen Blut reichen aus, um via Gen-Screening schon vor der zwölften Schwangerschaftswoche, (wo eine Abtreibung noch geltendem Recht noch sehr leicht möglich ist)  mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmen zu können, ob bei einem Fötus die Trisomie 21 vorliegt – ein Down-Syndrom also, mehr oder weniger stark ausgeprägt. Neu an dem Verfahren: Man machte es sich zunutze, dass der Fötus sozusagen seine genetischen Spuren im Blut der Mutter hinterlässt. Fragmente fetaler DNA werden aus dem mütterlichen Blut herausgefiltert.

Bislang steht der Praena-Test ausschließlich so genannten Risiko-Schwangeren zur Verfügung. Das sind in Deutschland per Definition mittlerweile mehr als zwei Drittel aller Schwangeren. Die Kosten für das Screening um die 1.300 Euro (Test + ärztliche Beratung) müssen Eltern bislang aus eigener Tasche bezahlen. Damit erkaufen sie sich, im Vergleich zu einer Fruchtwasseruntersuchung, nicht nur eine frühere Diagnose sondern auch weniger Nebenwirkungen:  Bei Fruchtwasseruntersuchungen kommt es in ungefähr 0,5 bis 1  Prozent aller Fälle zu Fehlgeburten. So oder so ist davon auszugehen, dass etwa 90 Prozent aller Schwangeren, die eine Diagnose auf Trisomie 21 erhalten, sich für eine Abtreibung entscheiden.

(Detail: Die Zahl 90 Prozent bezieht sich auf Frauen, die bereits von einem hohen Risiko für Trisomie 21 wissen und dann tatsächlich eine entsprechende Diagnose mitgeteilt bekommen. Unter werdende Eltern insgesamt geben bei Befragjungen nur 20 bis 30 Prozent an, im Fall einer Trisomie 21 die Schwangerschaft beenden zu wollen. Unter Frauen mit einem hohen Risiko für Trisomie 21, aber ohne Diagnose, geben 45 bis 85 Prozent an, die Schwangerschaft im Fall des Falles beenden zu wollen (Choi et al. 2012)).

Dieser erste Teil des Faktencheck Praena-Test befasst sich nun allem mit der Frage, ob das neue Diagnoseverfahren künftig von den Krankenkassen finanziert werden sollte. Die weiteren Folgen werden sich damit auseinandersetzen, ob die Einführung und weitere Verbreitung des Praena-Tests es erforderlich machen, dass über den jetzigen Paragraphen 218 hinaus Maßnahmen zum Schutz des ungeborenen Lebens getroffen werden. Und es wird um die Frage gehen, welche Entwicklungen in naher Zukunft auf dem Gebiet der vorgeburtlichen Gendiagnostik zu erwarten sind.

„Keine öffentlichen Gelder!“

„Sollte der Praena-Test zukünftig eine Kassenleistung sein?“ – mit dieser Frage möchten wir in die Diskussion einsteigen. Der Hintergrund: In der aktuellen Stellungnahme des Ethikrates fordert eine Minderheit der Ratsmitglieder in einem Sondervotum:

„Verfahren wie der PraenaTest oder entsprechende Nachfolge-Diagnosen sollten nicht durch öffentliche Förderungsmittel unterstützt werden und auch nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen oder privaten Krankenkassen aufgenommen werden“

Ähnliche Forderungen hatten bereits im vorigen Jahr die Behindertenverbände erhoben, so etwa das Institut Mensch Ethik Wissenschaft, dem eine Vielzahl von Organisationen der Behindertenhilfe und Behindertenselbsthilfe als Gesellschafter angehören.

Das Thema „öffentliche Finanzierung“ steht also im Raum. Was öffentliche Forschungsgelder betrifft, sind bereits Fakten geschaffen worden: Die Firma LifeCodexx und das Mutterunternehmen GATC Biotech, die in Deutschland den Praenatest anbieten, haben im Rahmen des BMBF-Förderprogramms KMUinnovativ eine Förderung in Höhe von knapp 250.000 EUR und durch das BMWi im Rahmen des Programms ZIMSolo eine weitere Förderung in Höhe von 200.000 EUR erhalten, um den Praena-Test zur Marktreife zu bringen und Kooperationen mit pränataldiagnostischen Zentren in Deutschland und in der Schweiz aufbauen zu können

Noch einmal in aller Deutlichkeit: Wir haben uns entschieden, die Forderung nach einer Kassenfinanzierung des Praena-Tests offensiv in den Raum zu stellen, obwohl derzeit niemand diese Forderung offen ausspricht. (Andererseits: einige Versicherungen zum Beispiel in den USA übernehmen bereits die Kosten für den Test und haben damit Fakten geschaffen.) Wir tun dies nicht deshalb, weil wir diese Forderung unterstützen. Unsere Beweggründe sind vielmehr zweierlei: Einmal denken wir, dass es sich über ein positives Vorhaben ganz einfach besser diskutieren lässt als darüber, etwas verhindern. Dann, wichtiger: Die Diskussion, ob ein vorgeburtliches Screening auf Basis fetaler Zellen im mütterlichen Blut Kassenleistung sein, wird schon allein deshalb bald auf der Tagesleistung stehen, weil sich mit Hilfe solcher Tests bereits heute neben der Trisomie 21 die Chromosomenstörungen T13 und T18 diagnostizieren lassen. In naher Zukunft werden sich womöglich auch Krankheiten wie das Turner-Syndrom, genetische Veranlagungen für erst später auftretende Erkrankungen sowie, mit ziemlicher Sicherheit, Risiko von Schwangerschaftskomplikationen wie der Präeklampsie bestimmen lassen. (Die Präaeklampsie ist eine Bluthochdruckerkrankung der Mutter während der Schwangerschaft, die als eine der Haupt-Todesursachen von Mutter und ungeborenem Kind gilt und und bei etwa zwei bis fünf Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland auftritt. Für ein entsprechendes Testverfahren werden bis Jahresende Fördermittel aus dem BMBF in Höhe von 519tausend Euro  geflossen sein).

Wenn all diese Versprechen Wirklichkeit geworden sind und neue Standards setzen, werden die Kassen sich den Anforderungen früher oder später nicht mehr entziehen können. All dies wird gesondert Thema in einer weiteren Folge unseres Faktenchecks sein.

Argument-Browser

Wie in den vergangenen Faktenchecks, haben wir auch diesmal eine umfangreiche Argumentkarte angefertigt. Darüber hinaus wagen wir diesmal ein neues Experiment: Ein Argument-Browser führt durch die einzelnen Punkte der Debatte. Leser können selbst entscheiden, wie tief sie an den einzelnen Punkten einsteigen möchten. Antworten und Kommentare, welche Leser bei der Navigation durch die Argument-Struktur hinterlassen, wollenwir in einer Fortsetzung dieses Faktenchecks anonym veröffentlichen. Uns interessiert vor allem: Was ist die Faktenbasis der unterschiedlichen Punkte? Wo ist es nötig, die von der Ethikrat-Stellungnahme vorgegebene Argumentation zu verändern oder andere Horizonte in den Blick zu nehmen? Das heißt: Auch Ihre Expertise ist gefragt!

Wir gehen zunächst die einzelnen Argumente durch, die, für sich genommen, für und gegen eine Aufnahme des bereits auf dem Markt befindlichen Trisomie-21-Bluttests in das Leistunsspektrum der Kassen sprechen.Dabei liegt für Viele der Einwand nahe, dass die flächendeckende Einführung des Tests mit Unterstützung der Kassen eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zur Folge haben würde. In Punkto „Diskriminierung“ fragen wir erst danach, ob überhaupt eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung vorliegt und dann, ob die durch den nicht-invasiven Down-Test bewirkte Diskriminierung gegebenenfalls neue Fakten schafft. Ganz zum Abschluss stellen wir die Frage der Abwägung: Wie sind die Argumente für und wider in der Zusammenschau zu gewichten?

Hier der Fragenverlauf im Überblick (Bild klicken für größere Ansicht):

Entscheidungsverlauf als Flussdiagramm

 

Wir beginnen damit, einen Vorschlag zur Diskussion zu stellen:

„Verfahren wie der PraenaTest sollten in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden“

Die Diskussion führt anhand von Fallbeispielen, Statistiken und generellen Überlegungen durch die Argumente Für und Wider hinsichtlich einer Finanzierung des Praena-Tests durch die Krankenkassen. Dabei wird auch das Leistungsspektrum des Tests untersucht. Außerdem befasst sich die Argumentation damit, inwiefern der Test eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung darstellt. Mit „Weiter“ geht’s weiter.

Der Argument-Browser kann durch das Klicken aufs Bild oder hier in einem separaten Fenster geöffnet werden. Die dem Argument-Browser zugrunde liegende Argumentkarte kann ergänzend als  PDF heruntergeladen werden.

 

Links und Literatur auf Extra-Seite

 

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Dieser erste Teil des „Faktencheck Praena-Test wurde gefördert durch die Robert Bosch Stiftung. Außerdem an der Finanzierung beteiligt: die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de, über die auch die Sponsoren für die weiteren Teile dieses Faktenchecks eingeworben wurden.

Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

 

Der „Faktencheck Praenatest“ wird unterstützt von:

 




Faktencheck Mietpreis-Explosion (1)

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Ralf Grötker

Dieser Text ist parallel veröffentlicht worden auf den Seiten unserer Medienpartner Telepolis und Freitag.de

Die Mietpreise in Deutschland steigen. Vor allem in Hamburg, Berlin oder München wird derzeit bei Neuvermietungen eine 30 bis 40 Prozent höhere Miete verlangt – ohne dass an der Wohnung irgendetwas gemacht wurde. Entsprechend steigen in der Folge auch die Bestandsmieten, die in den Mietspiegeln erfasst werden. Bezahlbarer Wohnraum wird immer mehr zur Mangelware. Fachleute und Politiker streiten derzeit darüber, welche Maßnahmen dazu taugen könnten, den Wohnungsmarkt zu entspannen. Das Problem „Mietpreis-Explosion“ verspricht eines der zentralen Themen des kommenden Wahlkampfes zu werden. Faktencheck prüft die in der Diskussion befindlichen Vorschläge und fragt nach Alternativen.

Der Plan

In diesem ersten Teil des auf mehrere Folgen angelegten Faktenchecks nehmen wir vor allem die Ausgangssituation genauer unter die Lupe: Wie bedenklich ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt wirklich? In den kommenden Folgen geht es dann um Vorschläge für Politik-Maßnahmen:

Die Vorschläge werden beurteilt mit Blick auf

Hier vorab die Wissenskarte, welche die Resultate von Teil 1 des Faktenchecks zum Thema Mietpreis-Explosion zusammenfasst. Resultate aus der Diskussion in den Foren werden fortlaufen in die Karte übertragen:

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Die Ausgangslage

Recherche: Hubert Beyerle

Was zeigen die Daten? Die Mieten steigen! In Berlin lagen die Angebotsmieten, zu denen Wohnungen angeboten und neu vermietet werden, zuletzt 13,8 Prozent über dem Vorjahr. Das ist ein kräftiger Anstieg. Trotzdem ist Wohnen in Berlin vergleichsweise immer noch günstig: Im Schnitt kostete eine neu angebotene Wohnung hier 7,50 Euro je Quadratmeter nettokalt. In München hingegen werden zurzeit Wohnungen für im Schnitt 12,88 Euro angeboten. Auch die Bestandsmieten steigen. Denn die Preise für Neuvermietungen wirken sich mit Verzögerung auf den Mietspiegel aus – und an diesem orientiert sich, welche Erhöhungen auch für Bestandsmieten gesetzlich zulässig sind.

So deutlich sich erhebliche Mietsteigerungen auch in den Innenbezirken der Großstädte bemerkbar machen: Bundesweite Statistiken erzählen eine andere Geschichte. Nettokaltmieten in Deutschland stiegen im Februar 2013 um magere 1,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seit vielen Jahren dümpelt der Anstieg bei den Mieten bei etwa ein Prozent. Das ist deutlich niedriger als die Inflationsrate. Das heißt: Statistisch betrachtet, wird Wohnen in Deutschland seit Jahren real billiger. Dazu ein Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes, welche die Zahlen ermittelt hat:

„Wir können ja nicht nur nach Berlin-Mitte schauen, oder München-Schwabing. Für uns zählt jeder Einwohner gleich, also auch, wenn er in Hof oder in Plauen lebt.“

Aber erklären allein die Mietpreisdifferenzen zwischen München-Schwabing und Plauen, dass die Zahlen der Statistiker sich so gar nicht mit der gefühlten Wirklichkeit decken? Mangelnde Repräsentativität kann man den Ergebnissen kaum vorwerfen: Seit Jahrzehnten beobachten die Statistiker rund 20.000 Wohnungen, die nach ausgeklügelten Maßstäben ausgesucht wurden, um die soziale Repräsentativität zu gewährleisten. Das Problem liegt vielmehr in der Definition des Gutes „Wohnung“. Ein gerade fertig gestelltes KfW-Effizienzhaus ist etwas anderes als eine unsanierte Wohnung aus den 70er Jahren. Wenn eine Wohnung saniert wird, steigt die Miete, aber es ist auch mehr Komfort darin: Wenn eine elektronische Espressomaschine teurer ist als eine alte Filterkaffeemaschine, beschwert sich auch keiner über Inflation.

Die Statistiker verfahren so, dass ein Mietanstieg, der als Sanierungskosten auf die Miete umgelegt wird (in Höhe von maximal elf Prozent der Investitionssumme), völlig aus dem Preisanstieg rausfällt. Das erscheint zwar bedenklich: Kann doch die Kaltmiete nach einer Modernisierung gerne mal um 20 Prozent oder mehr steigen. Trotzdem wird das in der Statistik herausgerechnet. Es zählt als Verbesserung der Qualität der Wohnung.

Aber auch ohne diese Bereinigung steigen die Bestandsmieten im Schnitt noch sehr moderat. Das Hamburger Institut F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt wertet regelmäßig alle deutschen Mietspiegel aus. Der aktuelle gesamtdeutsche Durchschnittswert für 2012 liegt bei 6,13 Euro. 6,04 Euro waren es im Vorjahr – ein Anstieg von gerade mal 1,5 Prozent. Auch das ist unter der Inflationsrate. In Berlin liegt die Nettokaltmiete laut aktuellem Mietspiegel 2011 bei 5,21 Euro pro Quadratmeter. In Berlin stiegen die Wohnungsmieten im Februar offiziell um 2,6 Prozent zum Vorjahresmonat. Das ist höher als die allgemeine Inflationsrate – aber so dramatisch sehen die Zahlen denn doch nicht aus. Anekdoten, nach denen sich die erlaubten 20-Prozent-Erhöhungen zuletzt häufen, sind so betrachtet wenig repräsentativ.

 

Ein Metropolen-Problem?

Klar ist: Vor allem die Metropolen haben ein Mietproblem – und auch dort sind es meist nur wenige Bezirke oder Stadtteile. In den besonders beliebten Berliner Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain-Kreuzberg beispielsweise: Hier liegen die Angebotsmieten teilweise bei bis zu 14,12 Euro. Am Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg), wegen seinen luxussanierten Altbauwohnungen landesweit berühmt, werden Wohnungen im Schnitt für 11 Euro pro Quadratmeter angeboten. Aber die Angebote gehen bis zu 18 Euro und sogar darüber hinaus.

„In den Spitzenlagen werden Mieten bis zu 20 Euro angeboten“ bestätigt Jan Linsin vom Immobiliendienstleistungsunternehmen CBRE.
„Inzwischen ist es ja sogar so, dass Gewerbeflächen zu Wohnflächen umgewidmet werden, bis vor kurzem noch kaum denkbar.“

Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Bezirke wie Marzahn-Hellersdorf, wo man auch jetzt noch Wohnungen ab 4,36 Euro bekommt. „Die Mietspanne ist in Städten wie Berlin mit 4 bis 20 Euro für den Quadratmeter inzwischen wirklich beträchtlich“, so Linsin.
Die Zahlen legen nahe: Ursache des Anstiegs der Mieten ist vor allem die lokalen Konzentration der Nachfrage auf bestimmte Stadtteile. Diese gelten als schick, entsprechen einem sozialen Ideal. Hier wollen alle hin. Hinzu kommt, dass in bestimmten Bezirken wie etwa in Berlin-Kreuzberg viele Zuzügler aus dem Ausland ankommen, die aufgrund der Rezessionen in ihrer Heimat in Deutschland auf Arbeitssuche sind. Diese konzentrieren sich traditionell auf jene Stadtteile, wo sie auf viele Landsleute treffen.

Nichts von dem aktuellen Hype spüren die Menschen in vielen kleineren Städten auf dem flachen Land – nicht nur in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg, sondern auch in vielen anderen Orten, die mehr als etwa 50 Kilometer von einer Großstadt entfernt liegen. Hier sind Vermieter froh, wenn sie Wohnungen für drei oder vier Euro losbekommen. Im Landesdurchschnitt stehen in Deutschland 8,6 Prozent der Wohnungen leer (2010). In Sachsen-Anhalt sind es sogar 15 Prozent.

An dieser Stelle kommt jedoch noch eine andere Zahl ins Spiel: Trotz im Bundesdurchschnitt moderater Mietanstiege gibt es in Deutschland seit 2006 immer mehr Landkreise mit steigenden Mieten– während die Zahl der Kreise mit sinkenden Mieten abnimmt. Gegenüber dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Kreise mit steigenden Mieten verdreifacht! (Deutscher Bundestag 2012: 18) Folgt daraus, dass insgesamt doch mehr als einige wenige Szene-Stadtteile von den drastischen Mieterhöhungen betroffen sind?

Zunächst: Steigende Mieten per se sind in einer wachsenden Wirtschaft normal, stagnierende oder gar fallende Mieten eine Anomalie. Es kommt jedoch darauf an, welcher Prozentsatz der Bevölkerung von stark steigenden Mieten in den attraktiven Metropolen-Stadtteilen betroffen ist. Was ist hierüber in Erfahrung zu bringen?

 

Nur 1 Prozent spürt deutlich steigende Mieten – oder sind es 16 Prozent?

Untersuchungen zeigen: Tatsächlich ist nur ein sehr kleiner Teil der deutschen Haushalte von drastisch steigenden Mieten betroffen. Bislang, jedenfalls. Laut Frühjahrsgutachten des Rates der Immobilienweisen 2013 sind die realen Mieten (also nach Abzug der Inflationsrate) für etwa ein Prozent der Haushalte in den vergangenen sechs Jahren um rund 30 Prozent gestiegen. Für die meisten Haushalte war der Mietanstieg in dieser Zeit viel moderater. Rund 60 Prozent der deutschen Haushalte spürte in dieser Zeit sogar sinkende reale Mieten, wie folgende Grafik zeigt:

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Veränderung der realen Mieten 2005/06 bis 2012. Quelle: Frühjahrsgutachten der Immobilienweisen. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des empirica-Institut.

Das Phänomen beträchtlicher Mieterhöhungen konzentriert sich auf wenige Stadtteile in einigen großen Metropolen. Hier wollen viele Menschen hinziehen. Ob sie bereit sind, in andere Stadtteile auszuweichen, erscheint derzeit fraglich. Es scheint sich hier eine Art „urbane Markenbildung“ vollzogen zu haben, die sich in höheren Mieten und Preisen widerspiegelt.

Hier die Darstellung der bisherigen Überlegungen im (‚eingefrorenen‘) Ausschnitt aus der Wissenskarte:

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Noch etwas anderes als die Erhöhung der Preise spielt eine Rolle, wenn es darum geht, die Bedeutung der Mietenentwicklung zu beurteilen: das verfügbare Einkommen. Das Einkommen ist das Maß, anhand dessen beurteilt werden kann, ob die Mieter durch die Mietkosten tatsächlich übermäßig belastet werden. Die kritische Grenze für die Belastung durch Mietkosten liegt nach dem Ermessen von Eurostat  bei 40 Prozent des verfügbaren Einkommens. Wenn man die Durchschnittsmieten betrachtet, liegen die Mieten in Deutschland weit unter dieser Grenze – selbst dann, wenn man auf die teuren Metropolen fokussiert. Laut Statistiken beträgt derzeigt der Wohnkostenanteil am verfügbaren Einkommen in Berlin ist 27,4 Prozent, in München 28,6 Prozent (Quelle: CBRE). Verglichen mit dem, was in anderen europäischen Metropolen üblich ist, scheint das noch moderat: Laut einer internationalen Übersicht des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft kostet ein Ein-Zimmer-Appartment  in Berlin derzeit 21 Prozent des Durchschnittseinkommens, in München 25 Prozent. In Paris sind es schon 35 Prozent, in London 40 und in Rom sogar mit 49 Prozent fast die Hälfte des Durchschnittseinkommens.

Die Statistiken sprechen jedoch auch hier eine andere Sprache, wenn man sich nicht den Durchschnitt anschaut, sondern die einzelnen Segmente. In Frankreich liegen 6,3 Prozent der Mieter über der 40-Prozent Grenze. In Deutschland sind es  16,1 Prozent.

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Ursachenforschung

Neben der Konzentration der Nachfrage auf besonders begehrte Wohnviertel kommen auch weitere Gründe für den Anstieg der Mieten in Betracht:

Zwischenfazit: Im Anblick der im obigen Diagramm („Veränderung der realen Mieten“) dargestellten Gesamtschau stellen sich diese Ursachen jedoch nur als bedingt plausibel dar: Wenn die  genannten Treiber allein verantwortlich wären für die Mietpreis-Explosion, dann müssten die Folgen in allen Großstädten mit ähnlicher demografischer Struktur die gleichen sein.

Tatsächlich jedoch sind die Mietpreise in den vergangenen Jahren (inflationsbereinigt) vor allem in Berlin, Hamburg und München stark gestiegen – während sie in Köln und Hannover sogar gefallen sind! Städten also, in denen die Bevölkerung nicht schrumpft, sondern wächst, wie diese Grafik zeigt:

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Auch ein Blick auf Zeitreihen am Beispiel einiger ausgewählter Städte zeigt, dass zwischen Bevölkerungswachstum- oder schrumpfung sich auf die Mietpreise sehr unterschiedlich auswirkt: Ein Bevölkerungswachstum um 2,5 Prozent (auf 5 Jahre) geht in Jena einher mit einer Steigerung der Mieten um 11,6 Prozent. In Düsseldorf geht das gleiche Wachstum einher mit einer Mietsteigerung von nur 3,4 Prozent.

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Sicherlich: das Bevölkerungswachstum in Jena ist begleitet von einem höheren Beschäftigungswachstum als in Düsseldorf. Andererseits: in Berlin (nicht in der Tabelle enthalten) steigen die Einwohnerzahlen in der Kernstadt, ohne dass es zu einer signifikanten Zunahme der Beschäftigung kommt. Dennoch steigen die Mieten.  Zusätzlich ist die vermutlich auch die absolute Höhe der Mietpreise zu berücksichtigen: hier hatte Jena in der Tat „Nachholbedarf“.

Auch wenn die Zusammenhänge mit dieser Betrachtung nicht geklärt sind: Die Beispiele legen nahe, dass steigende Nachfrage in den Ballungsräumen allein nicht die Ursache für drastisch steigende Mieten sein kann. Dies wird bei der Beurteilung der Vorschläge zur Eindämmung der Mietpreis-Explosion zu berücksichtigen sein.

 

„Zweite Miete“ Energiekosten

Selbst wenn die aktuellen Mieten vielleicht als noch als verkraftbar bezeichnet werden: Die Dynamik macht Sorgen – zumal auch die „zweite Miete“, also der Kostenaufwand für Strom und Heizung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat: Zwischen 2001 und 2011 sind die entsprechenden Preise jährlich um 4,9 Prozent gestiegen! (Bundesregierung 2012: 20)
Wie es hier weiter geht, ist seriös nicht zu sagen: Die Prognosen für die Energiepreise reichen weit auseinander: von stark steigenden wie vom Hamburger Energie-Analyst Steffen Bukold, der bis 2020 mit einem Anstieg der Heizölpreise um rund 50 Prozent, bis hin zur Internationalen Energieagentur IEA, die für die nähere Zukunft leicht fallende Ölpreise erwartet. Ginge es so weiter, wie in den vergangenen zehn Jahren, wäre das dramatisch: Die Verbraucherpreise für Heizöl haben sich mehr als verdoppelt, für Erdgas sind sie um über 50 Prozent gestiegen.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor. Bis zum Jahr 2050, so das Ziel der Bundesregierung, sollen möglichst alle bestehenden Wohnungen in Deutschland energetisch saniert sein. Mit milliardenschweren Förderprogrammen über die KfW werden Vermieter dazu ermuntert. Die Hauptkosten der Sanierungen werden vermutlich jedoch die Mieter tragen müssen. In einer empirischen Studie aus dem Jahr 2010 kam die Deutsche Energieagentur Dena auf eine durchschnittliche Mieterhöhung von 1,73 Euro pro Quadratmeter. Der Deutsche Mieterbund befürchtet sogar eine Mieterhöhung nach energetischer Sanierung von durchschnittlich 2,75 Euro pro Quadratmeter – Kosten, die sanierungsbedingte Energie-Einsparungen nur zu einem kleineren Teil wieder ausgeglichen werden.

Das ganze noch einmal im Überblick (‚eingefrorener‘ Ausschnitt – interaktive Komplettversion hier):

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Ausblick

Wie wird sich der aktuelle Trend fortsetzen? Ulrike Stüdemann vom Institut F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt in Hamburg, hält langfristig steigende Mieten – zumindest, was die Kaltmieten betrifft – für unwahrscheinlich.
„Wir haben gerade eine Sondersituation“, sagt sie.

„So erlebten beispielsweise die Universitäten gerade einen Ansturm wegen doppelten Jahrgängen und dem Ende der Wehrpflicht. Darum steigen die Mieten dort deutlich.“

Das werde sich aber wieder normalisieren. Außerdem floriert die deutsche Wirtschaft seit einigen Jahren. Es gibt Einkommenszuwächse und neue Jobs, vor allem in den Städten. Und es ziehen mehr Menschen in die Metropolen, auch aus dem Ausland. Dieser Zuzug ist wegen der Euro-Krise derzeit besonders stark, und dürfte auch wieder abflauen, sobald sich die Krise entspannt. Ähnliches gilt für das preistreibende Betongold: Investoren kaufen oft ganze Häuser und sanieren sie. Auch das treibt die Mieten nach oben.

Zurzeit fließt viel Geld von Klein- und Großinvestoren in Wohnungseigentum“, sagt Stüdemann. „Dieser starke Sog wird sich irgendwann wieder abschwächen.“ Immobilienmärkte sind sehr zyklisch: Auf den Boom folgt irgendwann eine Abkühlung. Der Boom hält so lange an, wie Investoren Abnehmer oder Mieter finden, die das bezahlen können. Was aber auch heißt: Es kann womöglich noch Jahre weiter gehen wie bisher. Zumal laut allein in Berlin laut Prognosen des Amtes für Statistik Berlind-Brandenburg die Bevölkerung bis zum Jahr 2030 von derzeit 3,5 Millionen auf rund 3,75 Millionen Einwohner anwachsen wird – was ungefähr der Größe einer Stadt wie Braunschweig entspricht.

Menschen in den von drastischen Mietsteigerungen betroffenen City-Stadtteilen in Berlin Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain-Kreuzberg, in der Sternschanze und in Sankt Georg oder Ottensen in Hamburg oder in den Münchner Stadtteilen Lehel oder Bogenhausen müssen langfristig eine Verdrängung befürchten, wenn ihre Einkommen nicht mithalten können.

 

Die folgenden Teile des Faktenchecks werden sich mit der Frage beschäftigen, was angesichts der diagnostizieren Ausgangslage geeignete politischen Instrumente sein könnten, um drastischen Mietpreis-Steigerungen Einhalt zu gebieten. Um die Erstellung der folgenden Teile zu finanzieren, bitten wir um eine Spende auf Krautreporter.de

Links und Literatur auf Extra-Seite

 

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Faktencheck: Bienensterben

Text: Ralf Grötker und Julia Harlfinger

 

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Insektizide aus der Gruppe der Neo-Nicotinoide stehen bereits seit längerem in Verdacht, mit verantwortlich zu sein für das seit einigen Jahren zu beobachtende Bienensterben. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat nun in einem im Januar veröffentlichen Gutachten ausdrücklich vor den Risiken gewarnt, die für Bienen durch den Einsatz von Neo-Nicotinoiden entstehen. Entgegen dieser Warnung haben die Experten der EU sich auf einem Treffen, welches am 15. März in Brüssel stattfand, nicht auf ein Verbot von Neo-Nicotinoiden einigen können. Ist diese Zurückhaltung gerechtfertigt?

Die Abstimmung in Brüssel

Insbesondere Deutschland hat sich, neben Österreich und Großbritannien, einer Stimme gegen ein europaweites Verbot von Neonicotinoiden enthalten. Der Kommentar dazu aus dem Ministerium:

„Der Vorschlag der EU-Kommission hätte zur Folge gehabt, dass in Deutschland bereits bestehende Teil-Verbote von Neonicotinoiden wieder aufgeweicht würden“.

Nach Ansicht der Imkerverbände ist die Information aus dem Ministerium von Ilse Aigner jedoch irreführend: In Deutschland bereits geltende Anwendungsbeschränkungen könnten auf jeden Fall aufrechterhalten werden. Darüber hinaus stelle der am 15. März in Brüssel diskutierte Vorschlag

„einen Meilenstein für den Bienenschutz“ dar – und die Stimmen-Enthaltung der Bundesregierung sei nur zur erklären dadurch, dass das Landwirtschaftsministerium „in den Hinterzimmern zusammen mit der Agrarindustrie Mehrheiten gegen der Vorschlag der Kommission“ organisiert hat.

Auch der Neonicotinoid-Hersteller Syngenta sieht in der geplanten Verordnung keine „Aufweichung“ bestehender Verbote. Im Gegenteil: Der Hersteller betont – im Gegensatz zu Landwirtschaftsministerin Aigner – dass das neue Verbot zu einer stärkeren Nutzungseinschränkung geführt hätte:

Wir freuen uns, dass die EU-Mitgliedsstaaten den in beschämendem Maß politisch motivierten Vorschlag der Europäischen Kommission nicht unterstützt haben. Eine Nutzungseinschränkung für diese wichtige Pflanzenschutztechnologie würde keinen positiven Beitrag zur Bienengesundheit leisten. (Pressemitteilung Syngenta vom 15.03.2013)

So oder so: Der politische Prozess ist weiterhin offen. Wichtiger als die juristische Frage nach der Interpretation der in Brüssel gekippten Verordnung ist dabei die sachliche Dimension: Wie gefährlich sind Neonicotinoide wirklich? Neonicotinoid-Hersteller Bayer CropScience erklärt dazu in einer Pressemitteilung vom 15. März:

„Das Fehlen einer Mehrheit ist eine klare Bestätigung dafür, dass keine überzeugenden Argumente gegen den weiteren Einsatz von Produkten auf Basis von Neonikotinoiden vorliegen.“

Hier steigen wir mit unserem Faktencheck ein. Welche Beweise liegen wirklich vor, was die Risiken des Einsatzes von Neo-Nicotinoiden betrifft? Was spricht für, was gegen ein Verbot?

 

Argumentkarte

Wie immer, haben wir die Fakten und Argumenten auf einer Wissenskarte zusammen getragen.

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Ausschnitt

Hier der Link zur Karte!

Fazit

Hutwechsel: Bei der Zusammenstellung der Karte hatten wir den Moderatoren-Hut auf. Wir waren wir bemüht, die in der Diskussion befindlichen Argumente möglichst vollständig darzustellen, ohne dabei zugleich zu bewerten, wie sehr uns die ins Spiel gebrachten Behauptungen überzeugen.  Jetzt, wo es ums Fazit geht, agieren wir unter dem Kommentatoren-Hut und legen dar, welches persönliche Fazit wir aus den zusammengestellten Argumenten ziehen.

1. Die Suche nach handfesten Beweisen dafür, dass Neonicotinoide Bienen schädigen oder gar verantwortlich sind für das in den vergangenen Jahren zu beobachtende Bienensterben gestaltet sich als schwierig. Zwar konnte die schädigende Wirkung in Laborexperimenten gezeigt werden. Die Übertragbarkeit der Resultate auf Freiland-Bedingungen jedoch ist kaum möglich (siehe Karte). Denn die Wirkung von Giften ist bekanntlich eine Sache der Dosis. Welche Dosis des Giftes Bienen im Freiland zu sich nehmen, konnte jedoch trotz zahlreicher Studien nicht geklärt werden. Und es ist auch nicht zu erwarten, dass dies in Zukunft geleistet werden kann. Allein was die tödlichen Folgen des Giftes betrifft, müssen einige tausend Forschungsfelder bearbeitet werden (siehe Karte). Hinzu kommen Wechselwirkungen zum Beispiel mit Fungiziden auf der einen Seite und nicht-tödliche Effekte: Wenn Bienen in Kontakt mit Neonicotinoiden kommen, kann es passieren, dass ihr Orientierungsvermögen darunter leidet. Die Folge: sie finden nicht mehr zurück in den Stock. Tritt dieses Phänomen in großem Stil auf, kann auch dies zum Tod ganzer Bienenvölker führen.

Von daher kann man also den Schlussfolgerungen, welche Industrievertreter ziehen, durchaus zustimmen:

Through all the mounting fury of the claims about bees and pesticides there is no hard evidence from the field which shows that neonicotinoids damage bee health, or that banning them will improve things for bees. In fact the only evidence against these pesticides is completely theoretical and based on incorrect assumptions about what might happen in the field. (Syngenta-Sprecher Luke Gibbs, zitiert im sehr empfehlenswerten Faktencheck zum Thema “What is the value of bees?” im Guardian)

2. Die Frage ist allerdings: Welche Konklusion leitet man aus der Beobachtung ab, dass ein Schaden nicht hieb- und stichfest beweisbar ist? Die Forderung von Bayer & Co., dass die schädigende Wirkung erst in Freilandversuchen bewiesen sein muss, bevor ein Verbot rechtfertigt ist, schlechterdings nicht erfüllbar – einfach weil es zu viele Fragen gibt, die geklärt werden müssten (siehe Karte). Ein „Faktencheck“ hilft hier nicht weiter.

Interessanter ist hier die Frage, was auf dem Spiel steht, wenn man in Sachen Neonicotinoid das Vorsorgeprinzip walten ließe. Welche unbeabsichtigten Nebenwirkungen könnte ein Verbot der Neonicotinoide haben? Hier ist die Diskussion sehr viel übersichtlicher. Die seitens der Industrie erhobene Behauptung, dass ein Verzicht auf Neonicotinoide nicht nur zu starken wirtschaftlichen Einbußen führen, sondern – durch Über-Eck-Effekte – auch ökologisch Schaden anrichten würde, wird in der Hautsache durch eine einzige Studie gedeckt, die auch noch von einem Industrie-Konsortium finanziert wurde! Alle einzelnen Behauptungen, die aus der Studie abgeleitet werden, sind zudem umstritten.

Ausschlaggebend dafür, wie sich ein Verbot von Neonicotinoiden auswirken würde, ist am Ende der Masterplan: Um zu vermeiden, dass Landwirte auf andere Pestizide ausweichen, müsste ein übergeordneter Pestizidreduktionsplan mit festen Teilschritten erarbeitet werden, so wie dies die Grünen es in ihrem Antrag fordern, der anlässlich der am 15. März in Brüssel verhandelten Neonicotinoid-Frage dem Bundestag vorgelegt wurde.

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Unterm Strich scheint es ernstzunehmende Argumente dafür zu geben, dass die von den Industrievertretern ins Feld geführten negativen Effekte vermeidbar sind. An dieser Stelle sollte die Debatte weiter fortgeführt werden! Die Forderung jedoch danach, dass zunächst belastbare Beweise in Freilandversuchen erbracht werden müssten, um ein Verbot rechtfertigen würden, kann hingegen kaum anders beurteilt werden denn als unverfrorener Coup der Industrielobby. Derartige Beweise können vermutlich niemals erbracht werden – was nicht auf ein zu vernachlässigendes Risiko hindeutet, sondern auf die immense Komplexität der Beweisführung.

 

Links und Literatur: siehe Extra-Seite.

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Faktencheck Sitzenbleiben: Auswertung

Die Absicht der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, hat in den vergangenen Wochen für viele Diskussionen gesorgt. Wir wollten wissen: Welche Evidenzen gibt es, auf deren Grundlage der Streit entschieden werden könnte? Über 300 Leser haben sich an der Diskussion der Ergebnisse beteiligt, die unser Autor Christian Füller zusammengetragen hat. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Resultate.

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(c) alamosbasement auf flickr

Dieser Beitrag ist parallel auf den Seiten unserer Medienpartner faz.net, freitag.de und Telepolis veröffentlicht worden.

Anders als in bisherigen Faktenchecks, sind wir diesmal mit einer These ins Thema eingestiegen:

„Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Bildungsforschung zeigen, dass Schüler mit schlechten Leistungen noch schlechtere Leistungen erbringen, wenn sie gezwungen werden, die Klasse zu wiederholen“

So jedenfalls könnte man die Behauptung zusammenfassen, die sich implizit durch den Faktencheck zieht, für den wir diesmal den Bildungsjournalisten und taz-Redakteur Christian Füller als Autor gewinnen konnten. Zugegeben: neutral ist ein solcher Einstieg nicht. Einige Leser, die den Faktencheck auf faz.net, Freitag.de und Telepolis verfolgten, haben dies auch bemängelt. Zwei Gründe haben uns bewegt, in diesem Fall eine deutliche Linie vorzugeben. Erstens: Ein Text, der deutlich Position bezieht, liest sich besser als einer, der in ausgewogener Weise das Für und Wider darstellt. Er provoziert auch bessere Kommentare. Zweitens: In diesem Fall haben wir – Redaktion und Leser – schlechthin kaum Untersuchungen namhafter Bildungsforscher gefunden, welche die Einstiegsthese in Frage stellen.

 

Die Argumentation

Zunächst zur Sachlage. Viele Gründe gibt es, die im Einzelfall für oder gegen das Sitzenbleiben sprechen. Diese Gründe wurden im Forum sehr ausführlich und mit Bezug auf persönliche Erfahrungen diskutiert. Deutlich wurde: nicht immer wird es als Misserfolg gewertet, wenn jemand die Klasse wiederholen soll. Ein Wechsel in einen neuen Klassenverband muss nicht in jedem Fall schlecht sein. Das Sitzenbleiben mag einigen schaden – anderen nutzt die Chance der Wiederholung.

Nun ist es schwer, ausgehend von solchen Einzelfall-Beobachtungen zu gültigen Verallgemeinerungen zu gelangen. (Was nicht heißt, dass ein solcher Schritt gern und häufig gemacht wird.) Wir haben uns deshalb die Frage gestellt: Was können Bildungsforscher, die nicht nur den Einzelfall betrachten, sondern große Gruppen von Schülern, zum Thema Sitzenbleiben sagen?

Natürlich ist es nicht möglich, wie in einer klinischen Studie zur Wirksamkeit eines Medikamentes zwei identische Gruppen von Schülern zu untersuchen, von denen die eine mit dem Mittel „Sitzenbleiben“ behandelt wird und die andere nicht. Am nächsten kommt man dem Ideal eines solchen Versuchsaufbaus immer noch mit der internationalen PISA-Studie. Deren Ergebnisse sind, was die vorliegende Fragestellung betrifft, jedoch immer von etlichen Störfaktoren beeinträchtigt. Denn dass deutsche Schüler im Test schlechter abschneiden als Schüler anderer Länder, kann viele Gründe haben. Das „Sitzenbleiben“ als einen dieser Gründe zu isolieren, ist nicht möglich. Es wäre aber auch kaum zielführend! Denn in der Realität ist es ja gerade die Konstellation verschiedener Faktoren, welche die durch PISA dokumentierten Ergebnisse vorbringt.

 

Bodensatz-Effekt

Wie in allen Statistik-basierten Untersuchungen, so kommen auch in der Erforschung der Effekte des Sitzenbleibens am Ende ausgeklügelte mathematische Verfahren und allgemeine Plausibilisierungen zum Zuge. Ein Beispiel: Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ist aufgrund verschiedener Beobachtungen zu der Hypothese gelangt, dass es so etwas wie einen „Bodensatz-Effekt“ gibt: Das Sitzenbleiben führt, im Verbund mit der „Abschulung“ in eine niedrigere Schulform (z.B. von der Real- in die Hauptschule) dazu, dass sich an manchen Schulen besonders schlechte Schüler konzentrieren. Ist eine bestimmte Konzentration an schlechten Schülern erreicht, beginnt die Schule zu „kippen“: die Schüler demotivieren sich gegenseitig. Ein geregelter Unterricht ist nicht mehr möglich.

Faktencheck-Autor Christian Füller, den wir gebeten haben, auf einige Fragen der Leser zu antworten, fasst das wie folgt zusammen:
Zum gegliederten Schulwesen gehört das Entstehen guter und schlechter, höherer und niedrigerer Schulen – das ist ja seine historische und gesellschaftliche Idee. Pisa hat das auch eindrucksvoll gezeigt, denn die Unterschiede zwischen den Schul(form)en sind in Deutschland so groß nirgendwo sonst in der OECD. Jürgen Baumert hat insbesondere die Hauptschulen näher untersucht. Das Ergebnis ist erschütternd.

„Der mittlere Anteil von Wiederholern erreicht in Hauptschulen (..) 40 Prozent (…) Diese dramatische Situation ist das kumulative Resultat von Klassenwiederholungen vor allem in der Grundschule und der Abstiegsmobilität im gegliederten Schulsystem.“ (Baumert 2006, S. 142)

Die Hauptschulen, vor allem die besonders gefährdeten unter ihnen, werden so zu einem Sammelbecken für Schulversager. Baumert fand heraus, dass sich in Krisenmilieu-Schulen folgende Komposition von Risikofaktoren ergibt: Fünfzig Prozent der Schüler haben Sitzenbleibe-Erfahrung. Fünfzig Prozent haben Migrationshintergrund. Vierzig Prozent der Eltern verfügen über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ein Drittel der Eltern ist arbeitslos, vierzig Prozent der Schüler haben in den letzten zwölf Monaten Gewalt gegen Sachen oder Personen angewandt (Baumert 2006, S. 160). – Ende Zitat Füller.

Die Hypothese des „Bodensatz-Effekts“ zeigt also, wie verschiedene Faktoren zusammen wirken können. Hieb- und stichfest beweisen lässt sich die Hypothese, dass der „Bodensatz-Effekt“ für die vergleichsweise schlechten Leistungen der Sitzenbleiber verantwortlich ist, jedoch kaum: Allenfalls lässt sich dafür argumentieren, dass vorhandene Zahlen nicht anders oder nicht besser erklärt werden können als unter Zugrundelegung einer solchen Hypothese. Diesen Weg beschreiten zum Beispiel Tillmann und Meier (2001): Ihrer Ansicht nach legt eine genaue Analyse der Zahlen nahe, dass die im internationalen Vergleich schlechte Leistung deutscher Schüler nicht dadurch erklärt werden kann, dass die Deutschen ihre Kinder später als andere einschulen (oder eingeschult haben), sondern dass einzig das „Durchreichen“ (also das Sitzenbleiben in Kombination mit dem Versetzen in eine niedrigere Schulform) die statistischen Beobachtungen erklären können. Füller:

Zwei Drittel der Verzögerer resultieren aus Klassenwiederholungen und ein Drittel aus verspäteter Einschulung. (Tillmann/Meier 2001: 473) Sitzenbleiben gibt es allerdings in vielen anderen europäischen Ländern auch. Wieso hat das Sitzenbleiben in Deutschland andere Effekte als anderswo? Weil es einen Unterschied macht, ob ein Schüler in einem Schulsystem mit einer Schule sitzenbleibt – also von seinen Schulkameraden nicht getrennt und eine andere Schule verbracht wird. Oder ob er, wie im deutschen System mit mehreren hierarchischen Schulformen, nicht nur aus einer Klasse, sondern sogar aus der (höheren) Schule fliegt. Dann stellen sich die dramatischen Kompositionseffekte ein, die Baumert beschrieben hat. Allerdings: Die Leistungen werden auch dann schlechter, wenn es nicht zur „Abschulung“ kommt, wie das böse Wort hierzulande heißt. Das haben Tillmann und Meier (2001: 474 f.) in einer multivariaten, dreifaktoriellen Varianzanalyse gezeigt.

 

Bildungsforscher wenig glaubwürdig

Der Untersuchungsgang der zitierten Studien wurde im ursprünglichen Faktencheck nicht im Einzelnen rekapituliert. Ein Manko, vielleicht: So hat es im Forum beispielsweise recht ausgedehnten Rechendiskussionen über im Beitrag zitierte Zahlen gegeben.) Andererseits: Die entsprechenden Experten-Diskussionen dürften für einen Großteil der Leser zu stark ins Detail gehen. Und solange die Fachwelt in den genannten Punkten nicht zerstritten ist, besteht auch wenig Notwendigkeit, die Details nachzuprüfen. Darüber hinaus: Diejenigen Leser und Kommentatoren, für welche selbst der einhellige Konsens der Bildungsforscher kein Beleg dafür ist, dass das Sitzenbleiben eher schadet als nützt, würden auch durch detailliertere Begründungen nicht überzeugt werden können. Beredtes Zeugnis hiervon legen insbesondere die vielen polemischen Stellungnahmen auf faz.net:

Nicht nur das Sitzenbleiben muss man für unsere kommenden „Eliten“ abschaffen! Nein, natürlich auch die Schul- und Examensnoten müssen noch weg!

Denn nicht gerade selten sind die Leistungsverweigerer oder Überforderten auch diejenigen, die den Unterricht stören, dafür sorgen, dass in einer normalen Hauptschule die erste Viertelstunde der Unterrichtsstunde damit beginnt, dass Ruhe in den Laden gebracht wird.

Ein Hoch auf das leistungslose Leben, so würde ich dieses Ansinnen einordnen. Es passt zu einem Staat, in dem Gleichmacherei und Durchschnitt zum politisch korrekten Mainstream erhoben werden.

Abitur bereits zur Einschulung……und alle Noten abgeschafft, damit auch ja kein Minderleister negative Erfahrungen macht. Und irgendwann vergeben dann auch die Universitäten das Diplom bereits bei der Immatrikulation.

Pseudomoderner Quatsch von linken Erziehungswissenschaftlern hat auch in der Vergangenheit selten zu besseren Erfolgen und Schulabgängern geführt. Was da nicht schon alles ausprobiert wurde und gescheitert ist…

 

Die Rolle des Lesers

Welche anderen Rollen als die polemische One-Man-Show haben Leserinnen und Leser in diesem Faktencheck? Zum einen stellt sich immer wieder die Frage, ob die auf statistischem Wege erlangten Erkenntnisse sich mit der eigenen Erfahrung decken. Haben die Forscher etwas übersehen? Bringt der Einzelfall Erkenntnisse, die vielleicht unter den Tisch gefallen sind? Welche Schlüsse sind aufgrund der Untersuchungen der Bildungsforscher für das individuelle Handeln zu ziehen – und welche nicht? ( Der „Kamm, über den alle geschoren werden“)

Nicht zuletzt: Welche politischen Empfehlungen können aus den Befunden der Forschung abgeleitet werden? Denn selbst wenn als erwiesen gelten könnte, dass das „Sitzenbleiben“ die Leistung von schlechten Schülern eher mindert als verbessert: viele andere Gründe sind im Spiel, die dennoch dafür sprechen könnten, das Sitzenbleiben beizubehalten!

Großen Raum nimmt die schließlich Frage nach Alternativen ein: Was könnte besser sein, was könnte wichtiger sein, als sich über die Abschaffung des Sitzenbleibens Gedanken zu machen? Wie könnte die Qualität von Lehre – und von Lehrern – verbessert werden? Ausgiebig diskutiert wurde insbesondere der Vorschlag, den Schulunterricht nach dem Vorbild des Kurssystems an der Universität zu organisieren. Anstatt dass alle Fächer im Klassenverband unterrichtet werden, könnte der einzelne Schüler so in jedem Fach auf einem Kursniveau eingestuft werden, welches seiner Leistung entspricht. Wer in Mathematik schlechte Leistungen erbringt, würde nur in diesem Fach zurückgestuft – anstatt auch in Deutsch und Geschichte zum Wiederholen gezwungen zu werden.

Die zusammengestellten Überlegungen und ein guter Teil der Leserkommentare finden sich auch diesmal wieder auf der überarbeiteten Argumentkarte:

 

Die Karte kann hier  als Bilddatei geöffnet (und im Browser mit Hilfe der Lupenfunktion betrachtet werden) oder hier mehrseitiges PDF heruntergeladen werden (etwas schwieriger in der Handhabung als die Bilddatei, aber dafür mit funktionierenden Weblinks).

Links & Literatur: siehe Extra-Seite

 

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Faktencheck: Hilft das Sitzenbleiben in Schule?

CHRISTIAN FÜLLER

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Deutschlands Schulen lassen im Vergleich zu anderen Ländern ungewöhnlich oft Schulkinder sitzen. Sie müssen dann ein Jahr komplett wiederholen. Die Absicht der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen beziehungsweise überflüssig zu machen, löste in den letzten Wochen eine heftige Debatte aus. Medien und Menschen streiten über die Frage, ob das Durchfallen eine sinnvoll pädagogische Maßnahme ist. Welche Evidenzen gibt es, auf deren Grundlage der Streit entschieden werden könnte?

CC Ralf Grötker (2013)

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Eigentlich sollte die momentane Aufgeregtheit der öffentlichen Diskussion überraschen: Die Frage des Sitzenbleibens wurde schon seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 eingehend untersucht. Zudem haben bereits mehrere Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin und Rheinland-Pfalz Schulreformen durchgeführt, die das Sitzenbleiben ganz oder teilweise unterbinden. In der Fachwelt gilt die Nichtversetzung überwiegend als überholt. Sie ist Ausdruck eines Schulsystems, das für das 21. Jahrhundert nicht mehr haltbar ist. Dennoch gibt es Lobbygruppen und Forscher, welche die Nichtversetzung in die nächste Klasse als positiven Ansporn ansehen. Auch in der Bevölkerung ist eine deutliche Mehrheit für das Sitzenbleiben.

Das Sitzenbleiben kam vor allem nach der ersten Pisastudie in Verruf, die 2001 erschien. In dieser Studie hatten die deutschen 15-jährigen nicht nur von der Leistung her schlecht abgeschnitten, sie waren sozusagen auch in der Höhe der erreichten Klassenstufen weit hinter den Schülern anderer Staaten zurück geblieben. Während die Schüler anderer Länder meist schon in der 10. Jahrgangsstufe waren, hingen die deutschen Schüler ungewöhnlich deutlich hinterher. In der 10. Klasse befanden sich von den deutschen Pisateilnehmern nur 24 Prozent, in der 9. Klasse rund 60 Prozent. Und sogar unterhalb der neunten Klasse fanden sich noch 16 Prozent der deutschen 15-jährigen.

„Der Hauptgrund für den hohen Anteil an Schülerinnen und Schüler, die eine niedrigere als die ihrem Altersjahrgang entsprechende Klassenstufe besuchen ist eine vergleichsweise restriktive Versetzungspraxis“,

schrieb Gundel Schümer im Jahr 2001 im ersten Pisaband (Baumert et al 2001: 414). Kurz gesagt: In anderen Ländern waren 9 von 10 Schülern in der 10. oder gar 11. Klasse, in manchen die Hälfte – in Deutschland nur ein Viertel.

Daraufhin wurden eingehende Analysen vorgenommen, ob es eventuell sogar einen Zusammenhang zwischen dem Sitzenlassen und den insgesamt mittelmäßigen Leistungen der deutschen Schulen gebe. Ausgangspunkt waren drei drei Pisa-Testrunden, die in den Jahren 2000, 2003 und 2006 durchgeführt wurden. Die Tests erfolgten jeweils in den drei Domänen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Alle sechzehn Bundesländer wurden einbezogen. Auf diese Weise wurden insgesamt 144 Tests realisiert. Das Ergebnis: Nur in drei dieser 144 Tests lag die Anzahl jener Schüler, welche die Messlatte der durch PISA definierten Anforderungen erfüllten, über der Anzahl von Schülern, welche den Vorgaben nicht nachkamen.

 

Sitzenbleiben ist Mit-Ursache für schlechte Leistungen

Eine der Tiefenanalysen des Schulsystems vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigte, dass vor allem zwei Ursachen für das niedrige Leistungsniveau an deutschen Schulen verantwortlich sind: das gegliederte Schulsystem (inklusive der „Abschulung“ von leistungsschwachen Schülern zum Beispiel vom Gymnasium in die Realschule) und das Sitzenbleiben. Die reine Sitzenbleiberquote lag in Deutschland durchschnittlich bei 24 Prozent, im Westen des Landes bei über 30 Prozent (mit Spitzenwerten in Bremen und Schleswig-Holstein), im Osten bei knapp 15 Prozent.

Der Mechanismus, welcher dafür verantwortlich ist, dass das Sitzenbleiben zu einer Verschlechterung des Leistungsniveaus führt,  besteht vor allem darin, dass die Wiederholung einer Klasse von den Schülerinnen und Schülern als ein massiver Misserfolg erlebt wird. Dieser Misserfolg wird durch die Wiederholung selbst nicht kompensiert. Analysen von Tillmann und Meier zeigten, dass die Leistungen der Sitzenbleiber schwächer sind als die der normal versetzten Schüler (2001: 475) Die Autoren führen dies darauf zurück, dass zwei leistungsbehindernden Faktoren zusammenkommen:

„Zum einen sind Wiederholer im Durchschnitt mit weniger guten kognitiven Voraussetzungen ausgestattet (…); zum zweiten wird ihnen aber auch die Befassung mit den anspruchsvolleren fachlichen Inhalten der nächsten Klassenstufe verwehrt. Und dies gilt für alle Fächer.“ (475)

Die Autoren ziehen damit die pädagogische Wirksamkeit des Sitzenbleibens grundsätzlich in Zweifel.

 

Jungs und Migranten betroffen

Das Sitzenbleiben ist nicht für jede soziale Gruppe gleichbedeutend. Es betrifft viel stärker Jungen als Mädchen und es wirft vor allem SchülerInnen mit Migrationshintergrund aus der Bahn. Krohne und Meier (2004) haben die Versetzungspraxis auf Jungen und Migranten besonders untersucht. Die Studie legt nahe, dass ein pädagogisches Instrument, das derart ungleich in Schullaufbahnen interveniert, mit der Verfassung nicht vereinbar ist. „In allen Schulformen ist der Sitzenbleiberanteil der Jungen deutlich höher als der ihrer Mitschülerinnen“ (2004: 121) In der Schule mit mehreren Bildungsgängen und der Realschule bleiben sieben Prozentpunkte mehr Jungen als Mädchen sitzen. (z.B. 23,7 zu 16,4 Prozent; 30 zu 23,2 Prozent). Bemerkenswert ist dabei, dass die Ursachen für das Sitzenbleiben nicht in der mangelnden intellektuellen Leistungsfähigkeit der Jungen gesehen werden, sondern Eigenschaften wie Ausdauer, Genauigkeit oder Sorgfalt den Ausschlag geben. Es gibt also eine soziale Diskriminierung von Jungen in der Schule. Ältere Untersuchungen von Ingenkamp kamen zu dem gleichen Ergebnis (Ingenkamp 1972: 98).

Bei Migranten liegt der Fall noch deutlicher. „Es offenbart sich eine im Vergleich zu deutschen Kindern alarmierend hohe Sitzenbleiberquote der Migrantenkinder in der Grundschule“ (Krohne & Meier 2004: 135) Die Rate der Nichtversetzungen differiert um 11 bis 35 Prozentpunkte – je nach Schulform, am schlimmsten ist es in den Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Vor allem die Mädchen mit Migrationshintergrund leiden massiv unter den Nichtversetzungen.

 

Sitzenbleiben ist teuer

Die pädagogischen Benachteiligungen durch das Sitzenbleiben sind bereits länger untersucht. In den letzten Jahren kam hinzu, dass auch die volkswirtschaftlichen Kosten ins Blickfeld gerieten. Die jüngste Untersuchung von Klemm zeigte 2009, „dass in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 0,9 Milliarden Euro (931 Millionen Euro) für Klassenwiederholungen ausgegeben werden.“ (2009:5) Frühere Berechnungen im Auftrag der GEW kamen sogar auf 1,2 Mrd. Euro. Pro nicht versetztem Schüler fallen etwa 4.700 Euro jährlich an (GEW 2005).

 

Die Stimmen der Befürworter

Die Bevölkerung teilt die Ansichten der Sitzenbleiben-Kritiker aus den Reihen der Bildungsforscher nicht. In einer Forsa-Umfrage waren es 2002 satte 80 Prozent der Menschen, die sich für das Wiederholen einer Klassenstufe aussprachen. Im Jahr 2006 befragte das Meinungsforschungsinstitut erneut die Bevölkerung – diesmal waren es immer noch 66 Prozent, die das Sitzenbleiben gut fanden. In der jüngsten Studie der Berliner Forsa-Meinungsforscher (2013) fänden es 73 Prozent der Befragten falsch, wenn Bundesländer das Sitzenbleiben abschafften. Interessant ist, dass bei den Schülern selbst das Sitzenbleiben einen noch besseren Ruf hat als bei Erwachsenen: 85 Prozent der Schüler und Studenten sind für die Klassenwiederholung. Die Begründung: Die Abschaffung des Sitzenbleibens würde sich negativ auf die Leistungsbereitschaft der Lernenden auswirken. Selbst die Mehrheit der Grünenwähler (56 Prozent) sieht eine leistungsmotivierende Wirkung. Bei der FDP sind es fast 90 Prozent, die auf den Stachel Sitzenbleiben nicht verzichten wollen.

Die Ansicht „Sitzenbleiben spornt an“ findet sich auch in der Forschungsliteratur. Sie wird auf zweierlei Art beschrieben:

Erstens wird das Sitzenbleiben für Schüler als Schuß vor den Bug verstanden. Schüler erhöhten ihre Anstrengungen, fassten wieder Tritt „und können auf diese Weise ihr Lern- und Leistungsproblem überwinden“ (Hong & Raudenbush 2005: 206).  Der Ökonom Michael Fertig bestätigte diese Annahme durch eine rechnerische Analyse der späteren Erfolge von Sitzenbleibern. Unter dem Titel „Sitzenbleiben nützt den Schülern“ wurde seine Studie veröffentlicht. Darin fand der Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung heraus, dass Sitzenbleiben Spätentwicklern nütze. Sie bekamen laut seiner Studie von 2004 später bessere Jobs und verdienten mehr Geld. Allerdings hatte Fertig nur eine Mini-Stichprobe von 20 Personen aus einem Sample von 300 Probanden untersucht.

Zweitens, so die Meinung einiger Bildungsforschert, wirke sich das Heraussortieren der langsameren Schüler überdies positiv auf den Rest der Klasse aus, weil die Homogenität steigt – „damit wird der Lernerfolg für die Übriggebliebenen besser“ (Hong & Raudenbush 2005: 206)

 

Sitzenbleiben-Kritik seit dem 18. Jahrhundert

Interessant ist als Hintergrund vielleicht auch dieses: Der Streit ums Sitzenbleiben ist so alt wie seine Einführung, als es Ende des 18. Jahrhunderts noch jahrgangsübergreifenden Unterricht gab. Die Schüler rückten im Laufe der Zeit von den hinteren Sitzreihen einer Klasse langsam vor, bis sie Primus waren, also in der ersten Reihe saßen. „Wer die erwartete Leistung nicht bringen konnte, musste ’sitzen bleiben’“, beschreibt der Bildungshistoriker Elmar Tenorth den Vorgang. Allerdings regte sich früh Kritik an der Praxis. Der Reformpädagoge Peter Petersen nannte das Sitzenbleiben den „Bankrott des Jahrgangs-Klassensystems.“ Er verzichtete auf das Sitzenbleiben in seinem alternativen Jena-Plan und ersetzte die Noten durch Lernberichte.

Petersens Kritik aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde später durch die empirische Schulforschung untermauert. Kemmler fand 1976 heraus, dass ein Drittel der zurückgestuften Kinder nach nur drei Jahren auch in ihrer neuen Klasse wieder zu den schlechtesten Schülern zählten (Kemmler 1976: 122ff nach Tillmann & Meier 2001: 470). Ingenkamp sah bereits 1969 den gleichen Effekt bei Sitzenbleibern, nämlich „dass die Repetenten durchschnittlich nicht den Leistungsstand der Versetzten finden“ (1969: 157). Glumpler kommt 1994 sogar zu dem Schluss, dass die deutsche Erziehungswissenschaft insgesamt die pädagogischen Wirkungen der Klassenwiederholungen überwiegend negativ einschätze.

 

Nationaler Bildungsbericht rügt Sitzenbleiben

Erst seit Pisa ist es möglich, in Zahlen und Jahren zu zeigen, wie viel Potenzial die deutsche Schule verschenkt. Bund und Länder haben, auf der Grundlage der neueren Studien, in ihrem erstmals 2006 erschienen Bericht „Bildung in Deutschland“ zum Thema Sitzenbleiben eindeutige Befunde vorgelegt. Ein erheblicher Teil der Schülerinnen „beendet aufgrund von Späteinschulung und/oder Wiederholung die Schullaufbahn mit erheblicher Verzögerung“, heißt es dort. Die WiederholerInnen hätten „signifikante Leistungsnachteile gegenüber Schülerinnen und Schülern, die sich nach einem regulären Durchlauf in derselben Jahrgangsstufe befinden“ (Bildungsbericht 2006:55). Die Schlussfolgerung:

„Ingesamt zeigt sich, dass trotz der Vielfalt an Übergängen und Wechselmöglichkeiten im allgemein bildenden Schulwesen soziale Ungleicheiten nicht annähernd ausgeglichen werden können, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Duchlässigkeit in der Praxis eher gering sowie überwiegend ‚abwärts‘ gerichtet ist“ (Bildungsbericht 2006: 53).

Leider jedoch zeigt die Diskussion über das Sitzenbleiben typische ideologische Erscheinungen. Obwohl Forschung und Fachwelt deutlich negativ auf das Durchfallen reagieren, hält sich das Lob für die vermeintliche Ehrenrunde in der Bevölkerung hartnäckig. Externe Beobachter wie der Erfinder und Chef der Pisa-Studien, Andreas Schleicher von der OECD, konstatieren daher: Deutschland hat ein Modernisierungsproblem in seinem Bildungssystem.

 

Links & Literatur: siehe Extra-Seite

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